Beiträge in ‘Versipellis – Wutrausch’

18. Nov 2010

Schreiend schreckte Aiden hoch. Panisch suchten seine Hände sein Gesicht. Er betastete jeden Zentimeter. Die Nase. Den Mund. Seine Ohren. Es war alles da und hatte die richtige Form. Aber das reichte nicht, um sich zu beruhigen. Aiden sah sich um. Er war wieder im Krankenhaus. Oder immer noch? War er jemals weg gewesen oder war das alles nur ein Traum? Es war einfach zu real. Es fühlte sich an, als wäre das alles wirklich geschehen. Vor sehr langer Zeit. In einem anderen Leben. Seufzend glitt der junge Mann wieder in sein Kissen zurück. Dieser Traum war sehr merkwürdig gewesen. Er hatte schon früher derartig reale Träume gehabt. Aber noch nie war er zwiegespalten. Er war Tier und Mensch in einem gewesen. Das machte ihm am meisten Angst.

Veröffentlicht durch Roland R. Posny

18. Nov 2010

Die weiten Wiesen rochen herrlich. Überall leuchtete das Gras in einem satten Grün und über ihm zwitscherte ein Schwarm Vögel munter, als sie über die idyllische Landschaft flogen. Aiden fühlte sich frei. Er war der Stadt entkommen. Dies mussten die Wälder weit im Norden sein. Die lange Reise nach Kanada hatte ihn geschlaucht, aber es hatte sich gelohnt. Er wusste gar nicht mehr, wie er hergekommen war. Ob zu Fuß oder auf einem Pferd. Es hatte nur sehr lange gedauert und doch war er angekommen. Er war nicht allein. Um ihn herum versammelten sich bereits einige Leute. Frauen und Männer. Auch Kinder waren unter ihnen, die fröhlich lachend herumtollten. Irgendwo aus der Ferne konnte er Musik hören. Es wurde auf Trommeln geschlagen und gesungen. Rauch stieg auf und eine Art riesiger Wigwam war aufgebaut worden. Der Geruch von gebratenem Fleisch stieg Aiden in die Nase und er beschleunigte seine Schritte. Er wusste, dass sich dort vorne ein großes Fest ereignete. Und er freute sich darauf. Es schien, als hätte er eine Ewigkeit gewartet, nur um an diesem Fest teilnehmen zu können. Der Augenblick war gekommen und er lief. Seine nackten Füße trugen ihn schnell über den weichen Boden, erst jetzt fiel ihm auf, dass er bis auf einem Ledertuch um die Lenden nichts weiter trug. Doch es störte ihn nicht. Die Freude über das Essen und die fröhlichen Gesichter war größer. Musik und Tanz lockten.

Veröffentlicht durch Roland R. Posny

17. Nov 2010

Sein Schlaf muss traumlos gewesen sein.

Aiden erinnerte sich an die Dunkelheit der Nacht und dann das grelle Licht, welches durch das riesige Fenster zu ihm hinein Drang. Mit zusammengekniffenen Augen versuchte er, sich an das Licht zu gewöhnen. Es dauerte eine Weile bis der Raum um ihn herum Gestalt annahm. Es war ein Krankenhauszimmer. Neben ihm stand ein leeres Bett, auf der anderen Seite ein Ständer mit einem Beutel in dem klare Flüssigkeit hin und her schwappte. Ein Schlauch führte zu ihm herab. Endete in einer Nadel die in seinem Handrücken steckte. Etwas Blut war durch das Pflaster zu sehen, welches die Nadel fixierte.

Veröffentlicht durch Roland R. Posny

17. Nov 2010

„Du bist eine Schande für diese Familie, Aiden“

„Und du eine Hure, Mutter“.

Er spukte das letzte Wort aus, als wäre es eine zusätzliche Beleidigung. Eine Beleidigung für ihn. Dass diese Frau, die mit den Mundwinkeln bebend vor ihm stand, seine Mutter sein sollte. Mit geballter Faust stand er vor ihr, bereit sich zu wehren, wenn sie zuschlagen würde. Der Schlag blieb aus und Aiden starrte seine Mutter weiterhin an.

Dann kam das Schluchzen. Tränen rannen über ihre Wangen und sie schrie, schrie sich die Seele aus dem Leib.

Veröffentlicht durch Roland R. Posny

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© 1998-2012 Nadine J. Posny & Roland R. Posny