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200 – [14/15.08.2014] Der Tag, an dem Sarah in die Entzugsklinik ging

Das Licht des Fernsehers erhellte den Wohnraum. Matt suchte die Nachrichten nach etwas interessantem oder für ihn gefährlichem ab. Nach den ganzen Monstern, die er in letzter Zeit aus dem Weg geräumt hatte, musste er vorsichtig sein. Wenn er oder Sarah gesucht wurden, war es besser, das zu wissen. Vor allem nach dem gestrigen Tag.

Sarah wollte nicht darüber sprechen, was Matt unglaublich nervös machte. Während er auf der Couch saß und auf den Bildschirm schaute, ließ er immer wieder ein Klappmesser auf und zu schnappen, um seine Hände zu beschäftigen. Was, wenn die Monster es geschafft hatten Sarah zu manipulieren? Matt schüttelte den Gedanken weg. Reiß dich zusammen!

Sarah kam eilig aus der Küche und hatte ihre Hand auf Nase und Mund gelegt. Ihre nackten Füße trugen sie schnell ins Bad, wo sie den Klodeckel öffnete und sich davor hockte. Matt lauschte. Sie übergab sich nicht. „Alles in Ordnung?“, natürlich war nicht alles in Ordnung und er bekam auch keine Antwort. Also stand er auf und warf zuerst einen Blick in die Küche, in der Sarah eigentlich kochen wollte.

Sie hatte soweit alles vorbereitet, das rohe Fleisch lag auf dem Schneidebrett und die Nudeln blubberten im Topf bereits vor sich hin. Er machte den Herd aus, bevor er zu Sarah ins Bad ging. Diese saß neben der Toilette und sah wieder recht blass aus.

„Was ist los?“, fragte Matt sie. Er hatte erst vor ein paar Stunden festgestellt, dass der Heroin-Vorrat, den sie noch hatten wohl seit Tagen nicht angerührt wurde. Also nahm er an, dass Sarah Entzugserscheinungen hatte.

„Mir ist schlecht.“, bestätigte sie das Offensichtlichste.
Matt hockte sich zu ihr: „Das sieht man.“, er fühlte ihre Stirn. Etwas nass, aber ihre Temperatur schien in Ordnung zu sein.
„Das Fleisch stinkt.“, erklärte sie dann weiter und zog ihren Kopf zur Seite, weg von seiner Hand.
Matt runzelte die Stirn. „Es sollte eigentlich noch haltbar sein…“
Sarah starrte ihn an, als hätte er gerade etwas sehr dummes gesagt. Und da waren sie – die Tränen der Frustration: „Du verstehst überhaupt nichts!“, fuhr sie ihn an.
Das kam für ihn so unerwartet, dass er nicht nur beide Augenbrauen hob, sondern auch direkt wieder aufstand, um etwas Abstand zu gewährleisten. „Dann erklärs‘ mir.“

„Wie lange willst du das noch machen?“, Sarah blickte ihn strafend an. „Soll das unser Leben sein? Monster jagen, bis wir sterben? Oder bis-„, sie schluckte und daraufhin wurde ihre Stimme von der Traurigkeit begleitet, die sie in sich trug. „Bis Unschuldige sterben? Wer sind wir überhaupt, dass wir darüber entscheiden, ob überhaupt jemand sterben soll?“

Matt blickte sie mit leicht geöffnetem Mund an, ohne etwas dazu zu sagen. Was hatte ihren Sinneswandel ausgelöst? Das gestern? Das Monster, das entkommen war, wegen dem Kind? Das war doch Absicht von denen!

Sarah stemmte sich wieder hoch und hielt sich dabei den Bauch. Aber sie schaute Matt wieder an, mit einer breiten Palette an Gefühlen: „Ich will das nicht mehr! Ich… ich kann nicht mehr! Ich kann nicht mehr schlafen, ich bin nicht dafür gemacht, soviel zu rennen. Ich kann ja nicht mal mehr kochen!“, beim letzten Satz versagte ihre Stimme unter den Tränen, die nun flossen.

Matt machte einen Schritt nach vorn und wollte Sarah in den Arm nehmen, aber sie drückte ihn weg und ging schluchzend an ihm vorbei aus dem Badezimmer. Er biss sich auf die Unterlippe und überlegte einen Moment, ehe er ihr in den Wohnraum folgte. Sarah kauerte sich auf die Couch, mit angezogenen Beinen, die sie mit ihren Armen umschlang. Es sah ein wenig trotzig aus, wie sie zum noch laufenden Fernseher starrte.

„Das ist nicht schlimm.“, sagte er zu ihr. „Wenn du eine Pause brauchst, dann mache ich das alleine.“ Matt setzte sich neben Sarah.

Sie schüttelte mit dem Kopf: „Hast du mir überhaupt zugehört? Denkst du eigentlich weiter als bis zum heutigen Tag?“
„Natürlich!“
Sarah blickte ihn energisch an: „Dann frage ich dich nochmal: Wie lange willst du das noch machen?“
Matt seufzte etwas genervt: „Solange es eben nötig ist.“
„Und was, wenn es niemals aufhört? Wenn sie … zurückschlagen oder so? Oder…“, Sarah schüttelte abermals den Kopf und schaute zum Fernseher. „Oder wenn die Polizei dich erwischt? Die lassen dich nie wieder aus dem Gefängnis! Wenn du nicht gleich zum Tode… verdammt, ich mache mir Sorgen um dich!“, jetzt wurde sie lauter.
„Das geht schon. Ich bekomme das schon hin. Außerdem bist du doch da.“
„Ich bin-„, sie presste die Lippen aufeinander und stand erneut auf, um in die Küche zu gehen. Sie schlug die Tür zu.

Matt seufzte erneut, schaltete den Fernseher aus und betrachtete das Klappmesser, welches er auf den Couchtisch gelegt hatte. Was war bloß los mit ihr. Hatte sie vielleicht ihre Tage? Nein. Dafür gab es länger schon keine Anzeichen mehr, möglicherweise war sie durch den Stress aber überfällig, da hatte er nicht so drauf geachtet.

Matt stand auf und öffnete langsam die Küchentür. Sarah stand weinend am Schneidebrett und schnitt in das rohe Fleisch hinein, ohne das sie wirklich sah, was sie da machte. Also nahm er ihr das Messer aus der Hand: „Lass mich das machen.“
Sie ließ ihn und holte sich Taschentücher, kam aber zurück in die Küche.
„Was soll sich ändern?“, fragte Matt sie dann.

Ihre zittrigen Hände fuhren durch ihr Gesicht und sie setzte ein paar Mal an, bevor sie eröffnete: „Ich werde einen Entzug machen. In so einer Klinik, das schaffe ich alleine nicht.“
Matt wandte seinen Kopf vom Fleisch zu ihr herum und musterte sie. Auf der einen Seite fand er diesen Schritt gut – es könnte ihr wirklich helfen. Aber auf der anderen Seite traute er solchen Einrichtungen nicht. Seine Mutter war auch nicht besonders gut aufgehoben… und er selbst musste nicht unbedingt auch nur einen Fuß hinein machen.

„Du klingst, als hättest du dir das schon ne Weile überlegt.“
Sarah nickte: „Ich brauche wirklich eine Pause von der ganzen Scheiße. Morgen geh ich da hin.“

Published inRollenspiel-Storys

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