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Auftakt zum Preludium – Enigma

Die Landschaft rast an ihr vorbei und ein gleichmäßiges Brummen begleitet das Bild. Sie ist quasi allein im Abteil, sieben Reihen hinter ihr lehnt ein Mann in Anzug im Sitz, die Augen geschlossen. Es ist tief in der Nacht, wer verübelt diesem Geschäftsmann also das er müde ist? Der ICE sucht unbeirrt seinen Weg und Spice genießt die Ruhe hier in der ersten Klasse. Sie denkt daran zurück, wie sie das Ticket aus dem Briefumschlag geholt hatte, zusammen mit einer Tarot-Karte.

Doch entgegen derer, die sie kannte war sie auf beiden Seiten bedruckt. Auf einer Seite war eine Abbildung in typischen Tarotstil gezeichnet. Das Gericht. Auferstehung, Neubeginn, das Hören auf innere und äußere Botschaften, Beginn einer neuen Phase, Wiederkehr, das Ende von Leidenszeiten steht bevor. Sie sollte einen Aufbruch wagen, aber warum?

Spice hatte die Karte eher zufällig von der anderen Seite betrachtet und ihr blickte eine bekannte Person entgegen. Sephiroth aus dem Spiel Final Fantasy 7, gezeichnet mit Blut. Scheinbar war der Grund für dieses Ticket alles andere als Positiv.

Spice zieht den Bildschirm des Laptops hoch und öffnet diesen damit. Er fährt aus dem Standby hoch und begrüßt sie sogleich mit einer Passwortabfrage. Schnell huschen ihre Finger über die Tastatur, ihre Gedanken sind woanders, sie bestätigt mit Enter.

Wo bist du jetzt?

Der Desktop leuchtet in einem sanften Mintgrün auf, keine Schnörkel, kein Schnickschnack. Die Oberfläche ist grau und trist, die Anwendungen sind ausschließlich in der Taskleiste zu finden. Spice öffnet den Browser und gibt eine IP in die Adresszeile ein. Vielleicht gibt es etwas neues… Hoffentlich Die kleine Lampe an der UMTS-Karte des Laptops blinkt wie verrückt, bis sich die Seite aufbaut. Völlig in Dunkelheit gehüllt, nur mit einem Eingabefeld versehen.

Spice stutzt, an der Zahl der Titelleiste im Browser erkennt sie, dass es sich um eine neue Version handelt. Ein neues Passwort…aber welches? Sie lehnt sich zurück in den Sitz des ICEs und betrachtet nachdenklich den Bildschirm. Dieser antwortet nur mit der schweigsamen Schwärze des Browserfensters. Spice grübelt, denkt nochmal über alles nach. Das Ticket nach Rom, die Tarot Karte, Das Gericht. Sephiroth.

Ihr rechter Zeigefinger gleitet zur Taste mit der 7 darauf, doch sie betätigt diese nicht. Das wäre zu einfach Sie hält inne, macht einen zweiten Tab im Browser auf und öffnet suchmaschine.com. Der Erste Eintrag verweist auf Wikipedia Die 10 Sephiroth und 22 Pfade im kabbalistischen Lebensbaum nach Isaak Luria … Text über die Sephiroth aus Sicht der der neuzeitlich-abendländischen Esoterik …

Bingo

Ohne weitere Zweifel wandern ihre Finger zur 1 und zur 0, dann Enter. Die Seite läd. Ein weiteres Bild von Sephiroth erscheint. Spice hebt eine Augenbraue, dann sucht sie mit der Maus die gesamte Webseite ab um den verborgenen Pixel zu finden, welcher sie zu der eigentlich entscheidenden Sache bringen würde. Der Link muss da sein, er muss…

Es dauert einige Minuten, bis der Mauszeiger sich in eine hand verwandelt und damit den Link verrät. Spice klickt auf den unsichtbaren Link, sie spürt ihr Herz schnell in der Brust schlagen. Nebenbei meldet sich ihr selbstgeschriebenes Überwachungsprogramm. Die Webseite tastet nach hurz.me. Eine Sicherheit zwischen Tarot und Spice. Nur sie erhält den Zugriff. Dann hat die Seite fertig geladen.

19-02-1998.avi
Gestern…

Spice holt ihren mp3-Player aus ihrer Tasche und nimmt die Ohrstöpsel davon ab, steckt sie in den Laptop. Dann klickt sie auf die Datei und lauscht gespannt. Eine ihr bekannte, obgleich verzerrte, Stimme meldet sich. Es ist Tarot selbst. Es wurde Zeit, dass sie ihm ein vernünftiges Mikrofon beschaffte. Das leise Hintergrundknirschen störte sie doch irgendwie.

„Es ist nicht viel Zeit, ich bin gerade auf dem Weg zu ihm, wie du weißt.“ Tarot nannte keine Namen auf Tonaufnahmen, nichtmal die Nicks. Sein Verfolgungswahn war krankhaft. Aber es störte Spice nicht. Er strahlte auch eine gewisse Professionalität dadurch aus.

Im Hintergrund war erst ein Gong und dann eine Bahnansage zu hören, scheinbar befand Tarot sich bereits in der U-Bahn Hamburgs. „An deinem Zielort findest du einen weißen Punto.“ Und die Autoschlüssel? „Schau im Müll“ Spice guckte zu dem kleinen Müllbehältnis am Rücken des ihr gegenüberliegenden Sitzes, öffnete dieses und holte eine Plastiktüte heraus in der es klimperte. Wie zur Hölle…
Als hätte er genau diesen Moment gewartet, den sie brauchen würde um den Autoschlüssel zu finden, sprach er erst jetzt weiter: „Sprich mit niemandem, du bist in Nibelheim.“ ..also pass auf, verstanden… Tarot… in welcher Scheiße stecken wir da? „Es tut mir leid.“

Ein lautes, hässliches Knirschen sorgt dafür, dass Spice sich die Kopfhörer aus den Ohren reißt. Zum Glück ist das unangenehme Geräusch auch so schnell wieder verstummt wie es kam – dennoch blickt Spice verärgert auf die Kopfhörer. Was sollte das?
Ein kurzer Blick zu dem dösenden Anzugsträger hinter ihr, dann wieder auf ihren Bildschirm.

„Was zur….“, spricht sie tonlos aus. Der Desktop hat sich in ein Flammenmeer verwandelt. Überall blinken Programme auf, Warnungs-Popups pflastern den Bildschirm zu und zu allem überfluss ist die Festplatte gerade dabei sich zu formartieren. Nach einigen kräftigeren Tastenschlägen schaltet Spice den Laptop kurzerhand aus und klappt ihn zu.

„Scheiße!“, flüstert sie.

Tarot schien über den geöffneten Port, über den sie Zugriff zu seiner Webseite erhielt, einige Dateien geschickt zu haben, die ausgelöst wurden um ihren Laptop unbrauchbar zu machen. So umging er die meisten ihrer Sicherheitsvorkehrungen – die anderen hatte er selbst programmiert. Wenn sie das nächste mal ihren Laptop einschalten würde, musste sie ein paar Vorbereitungen machen.

Ich wusste ja das du gut bist, aber SO gut? Was soll das?!

Wütend starrt sie auf ihren Laptop. Die Landschaft rauscht unbeirrt weiter an ihr vorbei.

Kann ich dir jetzt noch trauen?

Published inRollenspiel-Storys

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