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Decision

Um Gambit herum breitete sich Dunkelheit aus. Der Magus stand mit geschlossenen Augen bewegungslos da. Er fühlte keinen Schmerz und keine Erschöpfung, wie noch im Hotelzimmer, bevor er eingeschlafen war. Er wusste ziemlich genau wo er sich befand. Es gab nicht viele Orte an denen er sich vollkommen sicher fühlte, dieser Ort der Wandlung aber war genau das. Ein sicherer Ort den Niemand erreichen konnte, außer ihm.
„Du warst lange nicht mehr hier Seraphim.“ Erklang eine Stimme in der Dunkelheit, die schon während dieser wenigen Worte die Stimmlage von tief zu hoch wechselte. Ein samtenes Grünes Licht erschien in der Dunkelheit und wuchs langsam heran, so dass die ihn umgebende Architektur sichtbar wurde. Langsam öffnete der Erzmagus die Augen und betrachtete die Ruinen, die sich um ihn herum erhoben. Einstmals mussten es viele altehrwürdige Gebäude gewesen sein. Tempel, Versammlungshallen, Wolkenkratzer, alles war hier versammelt. Es bildete ein unendliches Gewirr, aus Gassen, Gängen und Straßen, welches sich ständig veränderte. Lächeln atmete er die kühle Luft ein, die nach Kräutern und Rauchwerk duftete. Irgendwo in diesem Labyrinth gab e einen Platz der sich nur selten änderte, aber diesen suchte er diesmal nicht. Die Veränderung umgab ihn mit jedem Schritt mehr und mehr fing sie ihn ein und veränderte auch sein Erscheinungsbild. Hatte er eben noch seinen schwarzen Ledermantel und den Hut getragen, so trug er nun eine Nickelbrille und einen weißen Kittel. Seine Füße waren nackt, genau wie seine Hände und dabei begann gerade Schnee aus der Schwärze herab zu rieseln und die Steine um ihn herum zu bedecken. Die Temperatur senkte sich schlagartig und sein Atem begann Wölkchen vor seinem Mund zu produzieren.

 

All das hielt ihn aber nicht davon ab weiter zwischen den Gebäuden hindurch zu gehen, bis er irgendwann auf einem kleinen Platz stehen blieb, der mitten in einer alten Inkaruine zu sein schien. Um ihn herum erhoben sich Steinsäulen in den Himmel, auf denen seltsame Zeichen waren, die nicht einmal er verstand. Es war aber auch nicht wichtig, sein Blick richtete sich nach oben, wo sich das giftgrüne Licht inzwischen in ein helles Eisblau verwandelt hatte und langsam zu ihm herunter geschwebt kam. Vor ihm begann das Licht richtiggehend zu gerinnen und wieder die Farbe zu wechseln. Diesmal in ein sanftes Violett, dass nicht in den Augen wehtat, wenn man direkt hineinsah. „Ich freue mich dich wiederzusehen:“ Gambit lächelte. „Gut das du im Umbra nicht aufgetaucht bist. Dieser Klingengeist war äußerst…aggressiv.“ Das Licht das inzwischen einen androgynen Körper angenommen hatte, auf dessen Rücken sich drei Paar Schwingen befanden, welche in weißlichem Licht glühten. Die Augen des Avatars waren auf den Magus gerichtet, wobei er ihn von oben herab musterte, da er ihn um einen Kopf überragte. „Du hättest mich zur Hilfe rufen sollen. Dann wäre dir nicht so viel passiert.“ Der tadelnde Ton des Seraphim lies Gambit lächeln. „Wir können einen Wettbewerb veranstalten, wer sich mehr sorgen um den Anderen macht.“ Die Miene des Engels blieb vollkommen Ausdruckslos, während er den Bewegungen des Magus folgte. „Dein Egoismus hat dich beinahe das Leben gekostet und damit wäre auch meine Suche vorbei gewesen das weißt du. Nur, weil du die Inneren Verletzungen deines Körpers schon vorher geheilt hattest, konnte die Verbena dich überhaupt zusammenflicken. Du wärst sonst schon vorher verblutet.“
Die Worte klangen ernst und Seraphim war sich sicher das er es genauso meinte. Was ihm weit mehr zu schaffen machte war das sein Avatar recht hatte. Er konnte ihm nichts vormache, wie Anastasia, Teshi oder Jules. Wobei es bei Letzterem auch schon schwierig war. Der Alte Mann war klug und las in Leuten wie in Pflanzen. Er mochte sich als einfacher Gärtner ausgeben und er hatte nicht dieselbe Stufe der Erleuchtung wie er erreicht, aber er durchschaute die Menschen. Ihn eingeschlossen.

„Du hast ja recht. Ich habe Japan unterschätzt. Vielleicht hätte ich nicht wieder her kommen sollen. Ashoka hätte mir eine Warnung sein sollen, nicht mehr so weit nach Osten zu reisen. Aber selbst hier im Umbra steht der rote Stern am Himmel. Das macht mich neugierig und wachsam.“ Langsam erhob sich sein Avatar über den Platz. „Vergiss nicht wieso ich hier bin. Ich helfe dir, Agent des Wandels, weil du ein unvergleichliches Talent besitzt, welches nur wenige Andere ihr eigen nennen. Vergeude es nicht mit Dingen, die nichts mit deiner Suche zu tun haben.“

Gambit blieb aufgrund der Drohung stehen und drehte sich langsam zu dem Engelswesen um, dessen Gestalt seinen Avatar symbolisierte. „Drohe mir nicht, du weißt sehr gut das alles meine Suche vorantreiben kann. Wir haben beide schon sehr viel gesehen und ich beabsichtige noch sehr viel mehr zu sehen. Mein Ziel ist es eines der Orakel zu finden und mir ist bewusst, dass ich noch einige Schritte vorher tun muss. Dasselbe gilt für dich! Wir können uns nicht belügen, hier gibt es keine Spiele, wie ich sie auf der Anderen Seite spiele.“

Selten klang Seraphims Stimme so ernst in diesen Hallen. Das schien dem Engel ebenfalls bewusst zu sein, denn sein Aufstieg endete an der Spitze der Säulen, die den Platz umgaben. „Achte auf die Wellen, die deine Taten schlagen. Im Osten sind sie größer und die Geister verzeihen dir weniger.“ Dann verblasste sein Avatar und Dunkelheit senkte sich über den Ritualplatz.

Wieder eine Warnung und er hätte es wissen müssen. Nachdem er schon so viel Paradox angesammelt hatte, war er jetzt sehenden Auges in die Klingen des Geistes gerannt. Sein Seelenschatten hatte recht, wenn er sagte das er vorsichtiger sein musste. Leider verstand er nichts von Gefühlen und von seinen Gefühlen gegenüber Anastasie leider erst recht nichts. Ihn interessierte nur die Erleuchtung, so wie es bei ihm früher auch gewesen war. Aber Prioritäten änderten sich, zumindest für ihn. Bald würde er sich entscheiden müssen, ob er seinen Avatar oder Anastasia aufgab. Im Moment schien es keinen Weg an dieser Entscheidung vorbei zu geben. Erleuchtung oder Liebe, beides schien für seinen Avatar nicht zusammen zu gehören.

Langsam lies Gambit sich auf den Boden nieder und schloss die Augen. Er wollte beides, nein er brauchte Beide und konnte doch nur eins von beidem haben. Das war…inakzeptabel aber es brachte ihn nicht weiter. Seine Gedanken drehten sich im Kreis, bis sein Körper begann wieder schwer zu werden. Ein leichtes Pochen in seinen Unterarmen erinnerte ihn dann die tiefsten Schnittwunden. Ein stechender Schmerz in der Brustgegend an eine der Inneren Verletzungen, die noch nicht voll ausgeheilt waren. Die Schwere des Fleisches zog wieder an ihm. Die Müdigkeit kehrte zurück und machte nicht der Erholung platz, wie sie es eigentlich nach dem Schlafen sein sollte. Die Realität hatte ihn wieder in ihrer Gewalt. Leise seufzte er.

Published inRollenspiel-Storys

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