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Der Galgen

Die Abenddämmerung zog über das Land, und die untergehende Sonne tauchte die weiten Wiesen und sanft geschwungenen Hügel in ein feuriges Rot. Es schien, als würde der Himmel am Horizont in Flammen stehen. Feuerrot züngelten sie am Firmament entlang, so voller Vorfreude auf das bevorstehende Ereignis.

An eine einsame Trauerweide gelehnt und geschützt von den träge herabhängenden Ästen, saß Irania auf einem Hügel, einige hundert Fuß vom Hinrichtungsplatz entfernt und sah hinab auf den Galgen. Ein seltsames Gerät – so schien es ihr jedes Mal aufs Neue – war der Galgen. Ihr Volk bevorzugte es schon seit seinem Bestehen, den Feind mit eigener Hand zu töten – mit dem Pfeil, den sie frei ließ. Dies war noch etwas Persönliches; nicht so stumpf und qualvoll wie das Erhängen.

Interessiert betrachtete die Elfe, wie sich in kürzester Zeit eine so beachtliche Traube aus Menschen vor dem Podest bildete; sie erschrak darüber, wie sehr es diese Menschen danach gelüstete, einen ihrer eigenen Volksleute dort droben hängen zu sehen.

Ob sie sich auch des Geräusches brechender Knochen erfreuten, wenn er fiel? Falls er Glück hatte, so würde es schnell gehen; nur ein kurzer Augenblick konnte es sein und er würde keine Schmerzen mehr spüren. Doch Irania hatte schon des Öfteren von Menschen gehört, die stundenlang, sogar die ganze Nacht an dem kurzen Strick hingen, qualvoll nach Luft rangen bis sie nach einem letzten und erbärmlichen Aufkeuchen, endlich die Erlösung fanden. Thormos sollte es nicht so ergehen, dass wusste die Elfe. Sicher, er war nie ein ehrlicher Mensch gewesen – ein Dieb und Gauner, für viele seiner Taten hatte er den Tod sicherlich verdient. Vielen Menschen – und auch Elfen – hatte er das Leben mit seinem Dolch genommen, hatte sie des Wertvollsten beraubt das sie besaßen; doch ihr, Irania, der Elfe aus den Bergen östlich der weiten Ebenen der Brachlanden fern jeder Menschensiedlung, ihr nahm er das Kostbarste – ihr Kind.

Die letzten feurigen Strahlen der Sonne ließen den Hinrichtungsplatz in einem vorahnungsvollen Zwielicht erscheinen und die ersten Fackeln wurden reihum gereicht. Auch auf dem Podest, auf dem der Galgen stand, wurden die Lichter entzündet; bald sollte es beginnen, das „Spektakel“.

Irania begann unbewusst nervös auf ihrem Platz hin und her zu rutschen. Es sollte endlich losgehen. Sie konnte es kaum noch erwarten – und dann sah sie auf.

Ein Raunen ging durch die Menschenmenge, als der Gefangene von einem, mit einer schwarzen Haube maskierten Mann, die Treppe zum Galgen hinaufgeführt wurde; hinterdrein ging der Herold der Stadt. Er war Gekleidet in sein weißes Festtagsgewand.

Ja, für die Bewohner der Stadt nahe der Küste war es ein Festtag. Sie feierten den Triumph über das augenscheinliche Böse. Dies sollte ein besonderer Tag werden für sie, doch Irania hatte schon ganz andere Pläne. Langsam wanderten ihre schmalen, blassen Finger hin zum Bogen zu ihrer Linken, sie nahm ihn zur Hand, hob ihn an und spannte einen Pfeil sauber an seine Sehne. Ihre Hände zitterten, sie hatte nur einen Versuch, sie musste treffen; ansonsten hätten sie gesiegt.

Menschen! fluchte Irania innerlich und ließ den Bogen wieder sinken. In der aufkommenden abendlichen Brise wehte ihr grauer Zopf von ihrer Schulter, sie hatte sich extra für ihn zurecht gemacht. Auch sie trug ihr schönstes Kleid, weiß wie eine Seerose war es, hell und rein glitzerte sie im Abendlicht.

Doch in ihrem Inneren brodelte ein Feuer; warum mussten diese Menschen auch nur immer so einen Drang zur Dramatik haben? Warum diese langen Reden? Sie sah Thormos an – ob er sie wohl auch sehen konnte? Es war unwahrscheinlich, nicht einmal der beste Späher der Menschen hätte sie bei Tageslicht in dieser Entfernung sehen können; und doch schien es, als ob seine Blicke auf ihr haften würden.

Er sah krank aus, die lange Zeit in den Kerkern unter dem Rathaus war ihm nicht wohl bekommen. Seine Haut wirkte sehr blass und sein sonst so schönes und reines Gesicht war geziert von einem dunklen Bart. Seine braunen Augen waren matt und schwach, so wie der Rest seines Körpers.
Zwei Wachen hielten ihn unter den Armen aufrecht – sie sollten ihn endlich gehen lassen.

Dann endlich war es soweit, Thormos wurde zum Galgenstrick geführt. Der maskierte Henker legte die Schlinge um seinen Hals und trat zur Seite. Der Augenblick war gekommen, Irania griff wieder zum Bogen.
Sorgsam glättete sie die silberne Feder zwischen ihren Lippen, sie spannte den Bogen und legte den Pfeil auf die Sehne.
Nun war sie ruhiger geworden, denn sie erinnerte sich daran, warum sie hier war. All der Hass auf diesen Mann unterdrückte ihre Unruhe, sie hatte sich entschlossen.

Der Henker legte eine Hand an den Hebel, der die Falltür öffnen sollte, der Herold sprach noch einige Worte zu den Leuten die unruhig geworden waren und immer lauter riefen „hängt ihn, hängt ihn!! Weg mit dem Halunken, auf dass er in der Hölle schmore!“
Dann gab er das Zeichen für den Henker; es war auch gleichbedeutend als Zeichen für sie.

Surrend flog der Pfeil schneller als der Wind los. Thormos hatte nicht einmal mehr Zeit einen Schmerz zu verspüren, während der Pfeil gnadenlos seine Stirn durchbohrte.
Dann klappte die Falltür auf.

Stumm lagen die Blicke der Anwesenden auf dem toten Körper, der zu ihrem Unmut bereits tot war, bevor ihm das Genick gebrochen wurde. Sie hatten nicht gesiegt – sie waren es nicht, die den Triumph über diesen Gauner den Ihren nennen konnten.

Die Elfe hatte ihre Rache gefunden und dennoch ihrem einstigen Geliebten ein Abschiedsgeschenk gemacht.

Geschwind schwang sich Irania auf ihr weißes Pony und als helles, engelsgleiches Wesen ritt sie in die Nacht davon – mit dem guten Gefühl das Kind, welches er genommen, gerächt zu haben.

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