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Fata Morgana?

Ich blickte über das Meer aus Sand, wie die erhitzte Luft darüber flimmerte. In der Motorradkluft war es eigentlich zu warm, aber ich hatte auch wenig Motivation, mich zu bewegen. Meine Gedankenwelt beanspruchte mich gerade mehr, als mein Körper. Gedankenkaruselle waren echt nervig!

Wie war das, Moral ist nur die Rebellion gegenüber den Hormonen? Ich fand meine Gedankenstränge selbst irgendwie absurd. Hatte ich Rain tatsächlich davon erzählt, nachdem ich den Wodka runtergekippt hatte? „Mensch, Teshi, wann lernst du endlich die Finger von Alkohol zu lassen?“, flüsterte ich mir selbst strafend zu. Half es, die Gedanken aus zu sprechen?

Scheinbar fehlten mir die Selbstgespräche mit Ryuo, jetzt musste ich die Dinge schon aussprechen, es reichte nicht mehr, sowas im Kopf aus zu fechten. Ich wurde immer verrückter…. oder?

Gambit war im Weg. Das war der Grundgedanke, welcher wahr und doch falsch war. Das war fast wie… ja, wie Ben, der zu Ronja gehörte. Unzertrennliches Glück – blendet man die Umstände mal aus. Also, ohne die ganzen Probleme, die diese Welt so mit sich rumschleppte, war es unzertrennliches Glück. Ben und Ronja, Gambit und Anastasia. Sich dazwischen zu stellen, das war der Keil. Ein Keil, der eigentlich niemandem irgendwas brachte, nur Unglück und noch mehr Kummer. Nichtmal ich selbst wäre damit glücklich… warum hatte ich also das Bedürfnis ein Keil zu sein? War doch alles Quatsch!

Ryuo war mir bewußt geworden, als Ronja mir klar gemacht hatte, dass sie niemals die gleiche Verbindung zu mir hätte, wie zu Ben. Jetzt, wo ich mit einem Baby einen Keil zwischen Anastasia und Gambit getrieben habe, ließ Ryuo mich wieder allein. Das ergab doch überhaupt keinen Sinn. Auch Anastasia würde nie…

Ich runzelte die Stirn. Da schwang doch tatsächlich die Hoffnung mit. Diesmal gab es kein Seelenband, zwar eine derart starke Verbindung, aber sie würde nicht sterben, wenn er es tat. Zumindest nicht körperlich. „Nein. Es ist überhaupt nicht das Gleiche!“

Anastasia hatte ähnliche Ansichten wie ich, aber sie war… eine Freundin und ein Opfer. Es war aber nicht diese alles verzehrende Liebe, die bei Ronja hochgequollen war. Dieses… Besitzergreifende, ohne Rücksicht auf Verluste. Ich legte meine Hand auf mein Herz. Das Gefühl war noch da, eine Erinnerung an diesen kraftvollen Antrieb, der letztlich zur Zerstörung führte. Es war nicht weg, aber ich vermochte auch nicht, es wieder hervor zu holen. Es in kleinen Dosen zu nutzen, um Freunde zu schützen war okay. Alles auf eine Person zu setzen… zu riskant. Damit geschah nur Unglück. Besonders, wenn diese Person einen Abwies.

Ich schloss die Augen und horchte weiter in mich hinein. Wenn also nur Schuldgefühl dafür sorgte, mich an Anastasia zu binden, warum war Gambit mir so ein Dorn im Auge? Ein Schwall an Erinnerungen schoss mir um die Ohren, sodass ich nach Luft rang. Ich riss die Augen wieder auf und keuchte. Ich hatte diese Bestrafung verdient, aber die Erinnerung daran musste ich besser kontrollieren lernen. Das würde mir noch das Genick brechen. Ich fühlte mich schlecht, misshandelt und meiner intimsten Gedanken beschmutzt. Egal, wie dunkel sie eigentlich waren, dieses Gefühl war trotzdem schlimmer.

Ich erwischte mich dabei, dass ich beide Arme um mich gelegt hatte. Irgendjemand, der mich jetzt in den Arm nahm, das fehlte mir gerade. Auch wenn ich keinen Mitleid wollte, manchmal war sowas vielleicht doch nicht so schlecht. Eigentlich will man ja auch keinen Mitleid, sondern Hilfe. Das ist viel nützlicher.

Doch auch das war es nicht, was mir ein Problem mit Gambit machte. Er war nur die ausführende Kraft und hat deutlich dafür gesorgt, dass ich nur mich selbst als Schuldigen in der ganzen Sache sah. Warum also der unterschwellige Groll gegen ihn? Ich horchte weiter in mich hinein, fand die Antwort aber erstmal nicht. Ich lehnte mich an mein Motorrad und setzte mich dabei halb auf den Sitz dessen.

Gambit war schon bei Ronja der Giftstachel, der mich zur Weißglut gebracht hatte. Das lag zwar Hauptsächlich an der Verbindung zu Ronja und meiner Besessenheit ihr gegenüber, aber bei Ben war das irgendwie anders. Was war anders? Warum konnte ich Ben eher an ihrer Seite ertragen als Gambit? Ich rieb mir die Schläfen. Hier in der Sonne stehen machte irgendwie Müde….

Meine Gedanken hatten sich in Nichtigkeiten verloren, es dämmerte mittlerweile. Ich ließ meinen Geist einfach treiben und dachte über die Vergangenen Geschehnisse nach. Was wir alles erreicht hatten in letzter Zeit. Ich hätte nie gedacht, die Technokraten derartig heraus zu fordern oder mit so einer großen Gruppe Magi gemeinsam etwas zu erwirken. In Berlin war das undenkbar gewesen. Aber jetzt… es hatte sich alles positiver entwickelt, als ich in Berlin überhaupt hoffen konnte. Tatsächlich war meine Magick anders geworden, das Verständnis für jene und eben auch für andere Magi. Außerdem bin ich schon ewig keinem Vampir mehr über den Weg gelaufen, was die Sache nochmal angenehmer machte. Ich fühlte mich etwas bodenständiger…

Ben war bodenständig. Er konnte zwar auch ausrasten, aber er hatte einen geradlinigen Weg. Feste Vorstellungen der Zukunft, absolute Treue und eine Aura der Sicherheit für seine Liebsten. Gambit war anders. Viel zu wechselhaft. Zwar plant er vorausschauend, aber es gibt keine perfekten Pläne. Er ist schon soviele Risiken eingegangen, dass er viel mehr Komponenten berechnen muss, die ihn umbringen könnten.

Da war das Problem. Gambit hatte nichts von der Sicherheit, die Ben ausstrahlte. Ich hatte ihn als Gefahr für Ronja eingestuft, weil ich Angst hatte das ihr etwas passieren könnte in seiner Umgebung. Das er sie vielleicht zu Dingen bringt, die sie in Gefahr brachten.

Bei Ronja mochte das nur teilweise funktioniert haben, aber bei Anastasia? Da war das viel schlimmer! Wenn Gambit sagt ‚Spring!‘, dann fragt sie noch wie hoch!

„Du verfluchter Spieler!“, das war keine Gesellschaft für meinen Nachwuchs oder die Mutter dessen. Auch Gambit würde mal einen Fehler machen, der ihn umbringen würde… und Anastasia bleibt als Scherbenhaufen zurück. Das kam gar nicht in Frage. Sie brauchte mehr Halt.

Plötzlich stand vor mir eine Frau mit weißblondem Haar. Ich zuckte so stark zusammen, dass ich nach hinten umfiel und das Motorrad mitriss. Das Schicksal hatte mir einen Stein im Sandboden hingelegt, auf den mein Hinterkopf prallte. Der Helm lag höhnisch neben mir, denn ich hatte ihn abgesetzt, um die Aussicht zu genießen. Als mein Bewußtsein schwand, war ich mir nicht so sicher ob es nun Ronja oder Inga war, die ich da gesehen hatte.

Die Sonne ging gerade wieder auf, als ich aus einem traumlosen Schlaf erwachte. Gemütlich war meine Maschine bei weitem nicht und ich musste mich erstmal ausgiebig strecken, bevor ich aufstehen konnte. Ich fühlte mich verspannt und hungrig. Da hatte ich wohl nochmal Glück gehabt, dass mich hier draußen nichts im Schlaf erwischt hatte. Dabei schaute ich mich um, um mich dessen zu versichern und entdeckte meinen Bruder auf einem nahen Hügel. Er lag dort, mit geschlossenen Augen.

„Akio!“

Wie von der Hornisse gestochen hechtete ich zu ihm hin.

Published inRollenspiel-Storys

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