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Geschichten 1999 [Juni]

Stimmung

Isaac drehte die Glaskugel zwischen den Fingern und blickte aus dem Fenster. Vor ihm erstreckte sich der stinkreiche Teil Hamburgs mit seinen Villen und übertrieben großen Gärten. In der Glaskugel war schwarze Tinte mit Alkohol gemischt und verwirbelte in der Drehbewegung, die seine Finger auf die Kugel auslösten.

„Es ist nur ein gut gemeinter Rat.“, fuhr die Vorsitzende der Toreador fort und setzte ein Lächeln auf, wie es nur die Vampire konnten, die alle irgendwo Raubtiere waren. Serrah stellte das Weinglas auf dem Beistelltisch neben dem Sessel ab, in dem sie saß und schlug ein Bein über das andere. „Niemand wird das überleben.“

Der Ventrue schob die Glaskugel aus seiner Handfläche auf seinen Zeigefinger hoch und gab ihr dabei einen Schubs, sodass diese sich um ihre eigene Achse drehte. Es schien ihn keine Mühe zu kosten, die Kugel so auf dem Zeigefinger zu balancieren: „Ihr seid schon zu alt, um den Begriff ‚Veränderung‘ wirklich zu verstehen. Wir werden bleiben.“, mit ernster Miene wandte er sich wieder zu ihr herum. „Vielleicht habt ihr Recht und diese Nacht werden viele Vampire vernichtet, aber nur wenige Kinder Kains. Der Sabbat wird damit nicht durchkommen. Diese Domäne trotzt schon so lange dem Schwerte Kains. Warum sollte sich das ausgerechnet heute ändern?“

Serrah schmunzelte amüsiert über die Engstirnigkeit des Vorsitzenden der Ventrue: „Wenn ich gehe, gibt es für Cuervo kein Halten mehr. er wird nicht nur den Sabbat vernichten, sondern auch jeden anderen Kainiten in dieser Domäne – und alle auf seinem Weg zurück zu mir.“

„Mit Verlaub, ihr nehmt euch zu wichtig.“, seufzte Isaac.

In Serrahs Augen blitzte etwas auf und sie kicherte: „Ihr habt keine Ahnung von dem Band zwischen mir und Cuervo. Wir sind älter als ihr ahnt und waren schon zusammen, als wir noch keine Vampire waren. Wählt eure Worte weise, Frischling.“

Isaac packte die Glaskugel und umschloss diese mit der Faust, sodass nur die Flüssigkeit darin noch weiterwirbelte: „Das erklärt Euren Wahnsinn und die Gefahr, die von Euch ausgeht zugleich. Aber es erklärt nicht, warum Ihr mit dem Sabbat unter einer Decke steckt.“

Die Toreador zuckte mit einer Augenbraue und faltete ihre Hände ineinander: „Das ist eine direkte Beleidigung, aber ich finde sie amüsant. Wie kommt Ihr zu diesem Schluß?“

„Ihr habt einen ziemlich heiklen Ort für eure Besprechungen mit euren Jüngern im Sabbat gewählt und Euch scheint entgangen zu sein, dass dieser abgehört wurde.“

Serrahs Lächeln blieb bestehen: „Ihr blufft, Ihr würdet niemals so eine Behauptung gegen mich aufstellen. Dafür ist Euch Euer Unleben viel zu wertvoll.“

Isaac ließ die Kugel zu Boden fallen und als sie zerschellte, löste sich das Alkohol-Tinten-Gemisch in ein Dampfwölkchen auf. Er machte einen Schritt zurück und fixierte seinen eigenen Blick am Boden, um die Kreatur die sich aus dem Dampf schälte, nicht an zu blicken.

Zugleich ertönten aus den Lautsprechern Gesprächsfetzen, Serrahs Stimme war zu vernehmen, wie sie ihre Pläne weitergab. Die Silhouette des Jägers formte sich und Serrahs Lächeln erstarb. Sie konnte ihn sehen, konnte seine Astralgestalt anfassen. Seine Augen waren nachtschwarz und alles an ihm war aus schwarzem Gefieder. Cuervos astrale Projektion musste keinen Schritt tun, es reichte, dass er dastand und sie anstarrte.

裏切り者*“, knurrte es aus tiefer Kehle.

Isaac schloss die Augen komplett und kämpfte gegen die Fuchsraserei an, was ihm ganze vier Sekunden gelang, bevor er fluchtartig den Raum verließ.
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*Verräter

Published inRollenspiel-Storys

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