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[Gruppe 2] Nichts bleibt für die Ewigkeit

Stimmung

Raziel stand am Zaun und blickte über den Friedhof. Es waren Wolken aufgezogen und die ersten Regentropfen fielen zu Boden. Wofür durfte sie wieder das Sonnenlicht sehen, wenn an Tagen wie diesen alles grau in grau war? Sie wischte sich eine Träne aus dem Gesicht und steckte ihre zitternden Hände wieder in die Taschen des Mantels. Die drei Narben auf der linken Wange durchstießen ihr hübsches Gesicht, sie standen für etwas, dass sie in all den Jahrhunderten ihrer Existenz nur zu gerne vergaß: Sie war verwundbar und jetzt sogar sterblich. Eine Kugel könnte ihre Existenz in einem Augenblick beenden, ein Schwertstreich sie für immer verkrüppeln. Sie fühlte sich schwach… und voller Leben.

Langsam schritt sie durch den Matsch, an einigen Gräbern vorbei. Die Geister der Verstorbenen flimmerten in der Luft, doch auch das ging in dem Grau einfach unter, Raziel nahm dies nur am Rande wahr. Sie machte sich keine Gedanken darüber, dass ihre Gabe zurückgekehrt war, seitdem sie wieder Luft zum Atmen brauchte um zu existieren. Es war völlig wertlos. Ihre Sorge galt vielmehr dem Standort der Gräber die sie besuchen wollte. Hoffnung. Waren sie hier?

Raziel war bereits völlig durchnässt, als sie fündig wurde. Zwei Gräber waren direkt nebeneinander gekennzeichnet, über ihnen wachte ein steinernder Engel. Sie schob die welken Blumen von den Namen, es war lange her, dass sich jemand der Pflege angenommen hatte. Es war einfach niemand mehr da, der es tun könnte – bis jetzt. Raziel sortierte das Gestrüpp etwas und polierte den Doppelgrabstein mit einem Lappen, damit man wenigstens wieder erkennen konnte, wer dort lag.

THORNE
Anna, gestorben 14.09.1984
John, gestorben 17.07.1990
Mark und Phil, gestorben 20.03.1993

Wer treu gewirkt, bis ihm die letzte Kraft gebricht,
und liebend stirbt, ach, den vergisst man nicht.

Raziel presste die Lippen aufeinander und schloss die Augen, als sie so auf ihren Knien dasaß und sich an die schönen Momente mit Cyril erinnerte. Ihre Tränen vermengten sich mit dem Regen auf ihren Wangen. Sie dachte daran, was Tarot ihr vor ein paar Tagen mitgeteilt hatte: Cyril wurde vernichtet.

Sie hatte es gewußt, aber irgendwo abgelegt. Es kam erst  jetzt wieder zum Vorschein. Jetzt, wo ihre Gefühle nicht mehr von ihrem Blut gefressen wurden. Raziel weinte noch einige Zeit, bevor sie sich wieder aufrichtete und flüsterte: „Das hast du nicht verdient.“

Sie blickte sich um, während sie ihre Sicht wieder klärte, indem sie die Tränen aus den Augen wischte. Da wurde ihr eine Gestalt gewahr, die in einiger Entfernung stand, mit dem Rücken zu ihr, den Kopf gesenkt zum Grabe vor ihm. Vorsichtig näherte Raziel sich, die Statur kannte sie. Als sie dicht genug herangekommen war, schluckte sie. Der Grabstein war auch ihr nächstes Ziel gewesen, was sie auf diese Entfernung nun sehen konnte.

DIE MUSIK IST AUS

Markus Richthoven
*27.01.1974 +14.10.1998

DIE SONNE SANK,
BEVOR ES ABEND WURDE

Niklas wandte sich zu Raziel herum und bedachte sie mit einem vernichtendem Blick. Sie zuckte sichtlich zusammen, seine Augen sprachen von Hass. Ihm lagen sicherlich die heftigsten Beschimpfungen auf der Zunge, die er kannte. Doch er sagte kein Wort, Raziel wich respektvoll zurück, das es in ihm brodelte war beinahe ein greifbares Gefühl. Er starrte sie einfach nieder.

Die Konfrontation von so einem leibhaftigen schlechten Gewissen bescherte Raziel Ohrensausen. Sie drehte sich um und lief. Sie rannte durch den Matsch, immer schneller. Ihre Tränen flogen hinter sie – sie rannte einfach. Wenn sie gekonnt hätte, bis ans Ende der Welt.

Erst kurz vor Sonnenuntergang war sie wieder in dem Haus, in dem  man ihr Schutz versprach. Yoshio und die anderen schliefen noch und sie nutzte die Zeit zum duschen…. und ertrank ihre Gedanken in Kaffee und Keksen.

Published inRollenspiel-Storys

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