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Heart made of black stone

Stimmung

Wann hatte ich das letzte Mal so lange vorm Spiegel gestanden? Ich glaube, noch nie. Immer nur kurz, um zu prüfen ob der Alptraum nicht doch zur Wahrheit geworden war, den ich gerade hinter mir hatte. Doch der runde Fleck unter meinem Herzen war leider kein Alptraum. Es war Wirklichkeit. Wahrscheinlich konnte ich mich deshalb nicht davon lösen.

Mir kamen wieder die schwarzen Würmer in den Sinn, die hinter Ingas Kristallwand herumwuselten und hinein wollten. Der Riss, den ich erzeugt hatte. Die Kristallscherben, die Statue auf diesem von dem… Kristallbiest. Auch wenn sie engelhaft aussah, sie war mehr der Dämon im Schafspelz. Ich hatte sie aufgeweckt und zerstört…. von wegen! Das Biest war immer noch da, aufgesplittet in Akio und mich. Inga war vollkommen umsonst gestorben, das Mistvieh war nicht tot!

Ich betrachtete den schwarzen Fleck genau, während sich meine Muskeln anspannten. Das war nicht die Art von Panzer, die ich mir gewünscht hatte. Denn es war nicht der Drache, es war dieses verfluchte Kristallbiest. Dieser Fleck machte mich wahnsinnig! Aber so lange ich auch drauf starrte, er war immer noch da.

Alles hat seinen Preis. Als wäre das kaputte Vertrauen meines Bruders nicht genug gewesen. Mein schlechtes Gewissen und der ein oder andere Fluch über Anastasias Worte. Aber mein Gefühl hatte mich bestätigt, dass sie eine Gefahr war. An diesem Gefühl hatte ich nie gezweifelt, nur an meiner Art das Problem zu lösen. Und wieder hatte ich dabei versagt, das Problem nicht entgültig gelöst.

Was würde wohl passieren, wenn sie komplett wäre? Akio und ich waren noch immer zwei verschiedene Körper, wie sollte das gehen?

Meine Augen wurden zu schlitzen: Wenn der Tiger mich zerfetzen würde, würde die bisherigen Vorgehensweise funktionieren. Wenn er mich verletzt und dadurch der Kristall wieder zusammengesetzt wird. Das bedeutete, dass das Mistvieh ihm absichtlich Nährboden gab, so aggressiv auf mich zu reagieren. Das würde einiges erklären.

Ich fühlte noch mal über die schwarze Stelle, die selbst nicht bemerkte, dass meine Fingerspitzen darauf lagen. Es fühlte sich wirklich wie ein Fremdkörper an. Der Kristall in mir und die Schuppen bei Akio… warum?

Die geistige Rüstung, die ich mir nach Umekos Wiederbelebung aufgebaut hatte warf einen Schatten über mich. Natürlich! Wenn das Biest sich auf einen Körper konzentrierte, war ich scheinbar das Ziel – und er bekam im Gegenzug etwas anderes von mir im Austausch. Ich konnte mir nicht richtig erklären, warum er an der gleichen Stelle eine Veränderung durchmachte – ich hatte ihn nicht verletzt. Akio bekam meine Schuppen und ich wurde zu Kristall. Vielleicht empfand das Biest was für ihn, warum sollte es ihn zerstören.

Ich schüttelte mit dem Kopf. Das war alles absurd und zuviel Theorie. Ich wusste quasi gar nichts über den Kristall, wie weit dieser tatsächlich mit Inga verbunden war und somit auch mit Akio. Langsam schlich sich Wut in meine Gedanken. Hätte ich den Kerl doch nie gesucht!

Ich schloss die Augen. Nein, so durfte ich nicht anfangen. wenn ich nicht losgezogen wäre, um Akio zu suchen, wäre so viel nicht passiert. Ich hätte diese ganzen Leute nie kennengelernt…. und Anastasia nicht geschwängert.  Hmpf, vielleicht hätte ich wirklich nicht losziehen sollen, sondern hier im Anwesen versauern…

Wie ich es drehte und wendete, irgendwie machte ich alles immer nur schlimmer.

Ich ließ die Arme sinken. Nicht, dass ich aus dieser Mutlosigkeit eh noch nicht ganz herausgekommen wäre, ich fühlte mich unglaublich träge – es wurde wieder schlimmer. Welche Aussichten hatte ich schon? Todgeweiht war ich wegen dem Familienfluch vielleicht eh, aber trotz meines Alters wirkte das bisher noch so weit weg. Ich dachte, in den zehn Jahren kann ich noch viel erreichen und erleben. Dachte seit meinem Erwachen als Magus an eine Familie, dachte auch, ich hätte mich unsterblich verliebt.

Und dann fiel ich ins kalte Wasser. Wieder zu leben, bedeutete bei weitem nicht, dass man wie ein normaler Mensch weitermachen konnte. Ich war zwar kein Vampir mehr, aber ein Magus…. trägt viel mehr auf seinen Schultern und ist dabei viel zerbrechlicher als jemand, der bereits tot ist. Und obwohl mir dieser Millenniumskram am Arsch vorbei geht, stecke ich doch mitten drin.

Wäre dieses Kind nicht…. ich würde vielleicht nicht mit nach Frankreich gehen. Warum zum Teufel, hat meine dunkle Seite so kalkuliert? Hat mir … einen Anker gegeben?

Ich blickte mein Spiegelbild nun erstaunt an. Verflucht, ich würde Anastasia bis ans Ende der Welt folgen. Egal wie mein eigener Gemütszustand gerade wäre. Ich habe nichts mehr zu verlieren, bin völlig losgelöst von Gefühlen – bis auf dieses. Ob es nun der Drachenpanzer ist oder nicht, sogar Rin könnte jetzt etwas zustoßen und es würde mich nicht interessieren. Nicht so, wie es sollte – wie es vor kurzem noch getan hatte.

Ich legte die Fingerspitzen aneinander und konzentrierte mich auf die freie Fläche zwischen meinen Händen, horchte in mich hinein. Ich suchte nach der Leidenschaft in mir, weil ich wusste, dass diese mir am ehesten verriet, was mir wichtig war. Wortgefechte mit Anastasia – war ein Anfang, aber noch nicht all zu bewegend. Das ungeborene Kind… eindeutig meine Achillesferse. Das konnte richtig schiefgehen. Anastasia hatte sich für das Kind, für unser Kind entschieden. Trotz allem, was passiert ist. Das zeugte von Stärke, aber ich wusste nicht, ob sie je darüber hinwegkommen würde, was ich ihr angetan habe… und ich will ganz sicher nicht so eine Eltern-Show haben wie Akio und sie es mit Amanda tun. Ich könnte ihn schlagen, wenn ich sehe wie er das Kind ignoriert. Wie er Anastasia ignoriert. Ich meine, haben die beiden sich je über Erziehung unterhalten? Das sie sich nicht einig werden, ist etwas anderes – aber haben sies versucht, um Amandas Willen?

Wieder war diese Wut da. Über seine Ignoranz, seine kühle Kalkulation. So hatte ich mir den Begriff Familie wohl einfach nicht vorgestellt. Aber für ihn waren diese Leute keine Familie. Nur Experimente. Und wenn er auf die gleiche Schlussfolgerung kommt wie ich, verursacht er eventuell absichtlich meinen Status: schwarzer Kristall.

Ich legte den Kopf in den Nacken. Warum misstraute ich ihm so? Warum hatte ich… Angst? War es Angst? Hatte ich tatsächlich Angst vor ihm? Warum? Weil einer von der Sorte reichte, die das Leben anderer zerstörten? Nicht nur Glanz und Glorie zogen sich durch unsere Familiengeschichte. Und unsere Herrschaft war längst vorbei. Sie würde auch nie…. oder doch? Ist es das, was uns irgendwo im inneren Antrieb? Der Wunsch nach Herrschaft, nach Macht? Nach Dienern und Respekt? Irgendwie hatte ich in diesem Moment das Gefühl, als hätte ich das irgendwann mal getan. Nicht (nur) mit Ryuo. Früher, vor diesem Leben. Und es war ein sehr seltsames Gefühl, einerseits voller Ekel darüber und andererseits mit einem Hochgefühl, wie wenn man etwas besonders tolles erreicht hatte.

Mein Spiegelbild konnte mir meine geflüsterte Frage auch nicht beantworten:

„Wer bin ich?“

Ich betrachtete meinen Avatar, welcher teils Tiger, teils Drache war, gespickt mit schwarzen Kristallen und schweigsam wie eh und je. Der ewige Zwiespalt, die Gegensätze und doch nicht davon je wirklich oder vollkommen. Gefangen zwischen den Welten. Oh, Mann – ich würde niemals in meinem Leben zur Ruhe kommen. Immer auf und ab, in mir und um mich herum. Es gab nur zwei Dinge, bei denen ich fokussiert und nicht wirbelnd war: Kampf und Sex.

Da kam mir Rain in den Sinn, für ein paar Augenblicke verlor ich mich in der Erinnerung an diese befriedigende Nacht. Alles um uns herum war vergessen. Ich bemerkte, dass ich auf meiner Lippe kaute, als ich aus diesem Tagtraum wieder erwachte. Das mit Rain war anders als mit Jasmin oder Anastasia gewesen. Wir waren… auf der gleichen Ebene. Keiner dominierte den anderen wirklich.

Und obwohl wir ausgemacht hatten, dass das wirklich nur für die eine Sache und sonst nichts weiter drumherum sein sollte, fühlte sich das richtig an. Keiner kam zu Schaden, weder psychisch noch physisch und es war harmonisch. Umso mehr ich darüber nachdachte umso mehr merkte ich, dass da auch ein ganz großer Teil Leidenschaft mitschwang. Rain war wichtig, sie gab auf ihre eigene Art irgendwie Halt… und das auf eine subtile Art und Weise, dass es mir jetzt erst dämmerte. Sie war der Klebstoff der Gruppierung, wusste aber auch wo ihre Grenzen waren. Wenn sie sich irgendwann mal so kaputt macht, wie ich es in letzter Zeit oft getan habe, musste irgendetwas ganz gewaltig nicht stimmen.

Genervt erinnerte ich mich wieder daran, dass es auch an Rain einen Haken gab. Jules hatte mich gewarnt, ohne mir wirklich zu sagen, wovor genau. Warum konnte eigentlich nicht mal etwas komplett richtig sein – ohne wenn und aber?

„Zu einfach, was?“, bemerkte ich meinem Avatar gegenüber, der mich einfach nur Anblickte.

Published inRollenspiel-Storys

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