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Kaminari – Dunkelheit

18. März

700 nach Kyoto

Yamagata

Zur selben Zeit glitt ein Schatten durch das vornehme Villenviertel der Reichshauptstadt. Die Straßen hier waren, genau wie die meisten Häuser, aus blitzblank poliertem Marmor und in regelmäßigen Abständen brannten Laternen, die an schmiedeisernen Stangen hingen. Die Lichtkegel meidend, welche die Laternen warfen, bewegte sich der Schatten lautlos auf eine besonders prunkvolle Villa zu. Hätte der Mond geschienen so hätten die zwei Wachposten, die im Garten ihre Runden drehten, den flinken Eindringling, der in dieser dunklen Nacht über die, das Grundstück umgebende Mauer, glitt, mit Sicherheit bemerkt. Aber der Mond versteckte sich hinter einer dichten Wolkendecke, so dass der Eindringling, dank seines Kapuzenumhangs in dunklen oliv, vollkommen mit der Nacht verschmolz. Ohne einen Laut zu verursachen pirschte sich die Gestalt über das weiche Gras auf das große Wohnhaus zu, welches in der Mitte des großzügig angelegten Gartens thronte. Zu so später Stunde brannte nur noch hinter zwei der Fenster, die der Schatten von hier aus sehen konnte, Licht. Das kam ihm wie gerufen, denn so würde er unbemerkt bleiben, bis es zu spät war.
Die Männer, welche durch diesen Teil des Gartens patrouillierten übersahen ihn sogar, als sie nur wenige Meter an dem Strauch vorbeigingen hinter dem er sich verborgen hatte. Wären sie auf ihn aufmerksam geworden und hätten Alarm geschlagen, wie es der Hausbesitzer verlangte, so hätten sie die Nacht sicher überlebt aber der Schatten hatte anderes im Sinn. Lautlos trat er hinter die beiden Wächter und stieß dem einen ein Messer in den Nacken. Noch bevor der Zweite reagieren konnte riss die Gestalt die gebogene Klinge wieder zurück und schlitze, dem herumwirbelnden Mann die Kehle auf. Beide starben lautlos, während der Schatten bereits neben einem der unbeleuchteten Fenster lehnte.
Ohne umschweife schlang er einen Zipfel des Umhangs um den Messerknauf und schlug eines der Quadrate ein. Es klirrte leise und die dunkle Gestalt verharrte einen Augenblick, ob auch kein Hausbewohner erwacht war. Nachdem er sich dessen sicher war griff er durch die entstandene Öffnung und legte den Sicherungshebel des Fensters um. Lautlos schwand der Holzrahmen nach innen und gab den Weg in die Villa frei. Schnell glitt der Schatten in den dahinter liegenden Raum und schloss das Fenster wieder. Als er sich umwandte erstarrte der Eindringling augenblicklich, denn das Zimmer das er soeben betreten hatte gehörte scheinbar der Tochter des Hausbesitzers. Darauf wiesen die vielen Spielsachen hin die den Boden des Zimmers bedeckten und schließlich auch das kleine Mädchen, welches in dem viel zu großen Bett, auf der anderen Zimmerseite saß und ihn mit weit aufgerissenen Augen ansah. Innerlich fluchte der Schatten, da dieses Kind ihn verraten könnte, allerdings überwand es in diesem Moment seinen Schrecken und fragte mit leiser Stimme:
„Bist du ein Einbrecher?“ Langsam ging die Gestalt auf das Mädchen zu und hockte sich vor es.
„Nein ich bin kein Einbrecher aber du musst mir jetzt genau zuhören“, flüsterte der Schatten. Das Mädchen nickte eifrig. „Ich bin ein Bote von Izanagi und Izanami und soll deinen Eltern etwas wichtige bringen aber sie dürfen nicht erfahren das ich hier war hast du verstanden? Das ist unser kleines Geheimnis ja?“ fragte der Kapuzenträger freundlich.
Wieder nickte das Kind aufgeregt.
„Ich darf also gar keinem davon erzählen? Nicht einmal Mila?“ flüsterte es.
„Nein nicht einmal Mila“, antwortete der Schatten eindringlich.
„Das Geschenk müssen deine Eltern morgen erst selber suchen und es soll doch eine Überraschung sein oder?“
Wieder ein eifriges Nicken.
„Du bist ein braves Mädchen. Wie heißt du eigentlich?“
„Thoru“, antwortete das Mädchen stolz.
„Gut Thoru, dann musst du jetzt schnell wieder einschlafen und vergiss nicht das wir ein Geheimnis haben. Du darfst es niemanden erzählen, versprich mir das.“
„Versprochen!“
„Sehr schön. Ich geh jetzt ein Versteck suchen und schläfst wieder ja?“
„Ja mach ich. Gute Nacht du Bote du“, kicherte Thoru und legte sich wieder hin und noch bevor der Schatten die Tür geschlossen hatte war sie schon wieder eingeschlafen.
Draußen auf dem Flur hielt die Gestalt abermals inne und sah sich prüfend um, bevor sie den Gang entlang schlich und durch eine kleine Seitentür in die Dienstbotengänge gelangte. Diese engen verschachtelten Räume zogen sich durch beinahe alle großen Häuser und sorgten so dafür das die Hausbewohner nicht von Putzfrauen, Köchen und Dienern gestört wurden, wenn sie durchs Haus liefen, allerdings hatte damals wohl niemand daran gedacht, das dieses zweite Haus im Haus eine willkommen Versteckmöglichkeit für Mörder und Diebe bot.
Da die Diener zu dieser Zeit ebenfalls schliefen gelangte er ohne Hindernisse in das Trophäenzimmer der Familie. Hier bewahrte der Hausherr Jagdtrophäen, Armeeauszeichnungen, seine persönliche Rüstung und eben das Objekt seiner Begierde auf. Nämlich das wertvolle Familienschwert, welches laut dem jüngsten Sohn schon seit zehn Generationen im Besitz dieses Clans war.
„Zeit das du mal den Besitzer wechselst Liebling“, flüsterte der Dieb und hob das Schwert samt Scheide von dem Podest, auf dem es thronte. Schnell schlug er die Klinge in schwarzem Samt ein und verlies das Zimmer wieder.
Konda würde morgen sein blaues Wunder erleben. Denselben Weg wieder hinaus konnte er nicht nehmen, denn er wollte Thoru nicht noch einmal wecken, also entschied er sich auf der Anderen Seite das Haus zu verlassen. Wieder in den kleinen Zufluchten der Dienstboten angekommen schlich er durch das ganze Haus und kam schließlich in dem Flügel heraus in dem das Ehepaar Konda nächtigte. Das erkannte er zweifellos an dem verdutzten Wachposten, dem er plötzlich gegenüberstand, allerdings war er genauso verdutzt wie dieser und der andere Mann erlangte seine Fassung einen winzigen Moment eher zurück und schrie, sein Katana ziehend:
„Alarm ein Eindringling! Schützt die Herrschaften!“
Ohne nachzudenken rammte er dem Mann seine Faust gegen den Kehlkopf, was ihm zwar wegen der metallenen Halskrause zwar nichts ausmachte, ihn aber nach hinten taumeln lies, so dass der Dieb schleunigst an ihm vorbeischlüpfen konnte und durch die nächste Tür stürmte. Ohne auf das Geschrei, das Hausherr zu achten über dessen Bett er hechtete sprang er aus dem geschlossenen Fenster und kam in einem Regen aus Glas und Holzsplittern, mit einer Rolle wieder auf die Beine. Die Wache hatte sich inzwischen wieder gefangen und stürmte nun ebenfalls durch das Schlafzimmer und sprang dem Schatten hinterher, welcher schon den Halben Weg bis zur Mauer hinter sich gebracht hatte. „Bleib stehen!“ schrie er ihm nach aber die Gestalt in dem Kapuzenmantel dachte gar nicht daran, sondern schwang sich graziös über die zweieinhalb Meter hohe Mauer auf die Straße.
„Verflucht!“ stieß der Mann aus und rannte zum Tor, doch als er dort ankam und den Männern von dem nächtlichen Besucher erzählte war dieser bereits in der Nacht verschwunden.

Was im Namen aller Oni soll das?“ zischte Ayoun, als sie in das Gesicht der Toten blickte. „Warum musste sie sterben? Das macht doch überhaupt keinen Sinn!“
„Oh doch das macht sehr wohl Sinn. Sie war eine Bettlerin, die eine Gute Mahlzeit und warmes Lager für eine Nacht bekam, bevor sie diese letzte Aufgabe erfüllte“, erklang plötzlich eine schneidende, aber trotzdem amüsiert klingende, Stimme aus der Dunkelheit der hohen Decke.
„Verdammt was?…“ fauchte Kyo, der Rest des Satzes ging im Lärm von Splitternden Holz und gebrüllten Befehlen unter. Gleichzeitig wurden auf den großen Kistenstapeln Fackeln entzündet, so dass die Dunkelheit sich flackerndem Feuerschein beugen musste. Tao fluchte ungehemmt und nahm automatisch eine Kampfposition ein, die Doppellilie schützend erhoben. Auch Kyo und Ayoun machten sich bereit ihr Leben so teuer wie möglich zu verkaufen.
„Lasst das lieber bleiben!“ erklang wieder die Stimme, allerdings war nicht auszumachen von wo genau sie kam, außer das der Sprecher oben auf den Kistenstapeln stehen musste. „Es zielen zwanzig Pfeilspitzen auf euch. Ihr würdet nicht einmal drei Schritte schaffen, bevor ihr wie Nadelkissen aussehen würdet.“
Ayoun blickte nach oben und sah das die Stimme nicht log. Sie waren von Bogenschützen umzingelt und Taos Zischen verriet ihr, das auch aus dem Gang bereits Angreifer getreten waren, um sie vollständig einzukeilen.
„Wie viele sind es?“ fragte Ayoun, darauf bedacht keine unnötigen Bewegungen zu machen, welche die Bogenschützen dazu veranlassen könnten einen Pfeil abzuschießen. „Ich kann sechs Speerträger sehen aber ich weiß nicht wie viele noch im Gang warten“, antwortete Tao scheinbar ruhig, doch wer ihn kannte konnte ganz klar die Angespanntheit aus ihr heraushören.
„Also was ist nun? Was werdet ihr tun?“ meldete sich nun wieder der unbekannte Sprecher.
„Wir wissen ja nicht mal was ihr von uns wollt!“ rief Tao gereizt zurück.
„Ah ich vergaß zu sagen, dass ihr hiermit offiziell, im Namen des Kaisers, seiner Hoheit Reigen, festgenommen wurdet. Außerdem bin ich befugt sofort das Urteil zu fällen und zu vollstrecken“, kam es wieder von oben.
„Wollt ihr uns dafür nicht wenigstens unter die Augen treten? Oder habt ihr Angst das nicht zu überleben?“ versetze Tao dem immer noch nicht in Erscheinung getretenen.
„Ich würde es eher gesunden Respekt nennen!“ erklang gleich darauf die Antwort.
„Und wie lautet nun das Urteil?“ fragte Kyo gereizt.
„Ihr werdet hiermit zum Tode verurteilt!“
„Raus hier!“ brüllte Tao und schoss wie ein geölter Blitz nach vorne, direkt auf die Speerträger zu, die mit diesem Angriff wohl nicht gerechnet hatten, denn es gelang dem Hünen mühelos die auf ihn gerichteten Speere zur Seite zu schlagen und die Männer durch reine Muskelkraft auseinanderzudrängen.
Sofort setzte hektisches Geschrei ein und das sirren von Bogensehnen mischte sich mit Schmerzenschreien und dem dumpfen Klang von Pfeilen die Holz durchbohrten.
Plötzlich war Ayoun neben Tao. „Kyo!“ stieß sie hervor und der Riese verstand. Er wirbelte herum und schmetterte dabei zwei Speerträger ein weiteres Mal zu Boden.
Sein Freund war gestürzt und dadurch der nächsten Pfeilsalve, die in wenigen Sekunden erfolgen würde, schutzlos ausgeliefert. Ohne nachzudenken stürzte Tao nach vorne und warf sich den wesentlich kleineren Mann über die Schulter. Mit einem Hechtsprung flog er wieder in den Schutz des Kistenganges und entging so um Haaresbreite einem Peilhagel, der sie sonst beide getötet hätte.
Ayoun war schon weitergestürmt und hatte auf ihrem Weg einen weiteren Soldaten ausgeschaltet, der ihr den Weg hatte versperren wollen. Sich umsehend rannte sie weiter und erkannte erleichtert, das Tao mit Kyo über der Schulter hinter ihr her rannte. Ein kurzes Nicken seinerseits überzeugte sie davon, dass sie sich um das kümmern sollte was vor ihr lag. Leider kam diese Erkenntnis zu spät, denn in diesem Moment prallte sie mit dem Kopf gegen ein Hindernis und wurde von der Wucht des Aufpralls zurückgeschleudert. Benommen sah sie auf und erkannte einen dunklen Schatten, der vor ihr aufragte und sich in diesem Moment zu ihr herunterbeugte. Trotz der Benommenheit und dem Schwindel in ihrem Kopf rollte sie sich geistesgegenwärtig über den Rücken wieder auf die Beine, so dass der Schatten ins Leere griff. In ihrem Kopf drehte sich alles und sie hatte unschöne Kopfschmerzen. Sie wollte sich zu Tao umblicken aber als sie den Kopf drehen wollte durchzuckte sie ein stechender Schmerz und sie lies es bleiben. Dann wandte sie sich dem Hindernis zu in das sie hineingerannt war.
Es war ein, vollkommen in dicke Plattenrüstung, gehüllter Krieger, der durch seine Größe und sein enormes Gewicht ihren Aufprall wohl gar nicht gespürt hatte. Außerdem füllte er den gesamten Gang aus und versperrte so den Weg. Hinter sich hörte sie Tao fluchen und begriff, dass sie den Mann allein aus dem Weg räumen musste, denn Tao konnte nicht an ihr vorbei, dafür war es hier zu eng.
„Mach ihn fertig Ayoun! Ich halte die Anderen auf“, drang Taos Stimme von weit her in ihre Gedanken.
Wenn sich bloß nicht alles drehen würde. Nur verschwommen nahm sie wahr wie der Krieger vor ihr seine Hand hob und nach ihr schlug. Geistesgegenwärtig trat sie einen Schritt zurück, was ihr das Leben rettete, denn die Rückhand des Kriegers zerschmetterte die Wand einer Holzkiste scheinbar ohne Mühe. Das sollte sie warnen, aber ihre Gedanken waren wie in Watte gepackt und ihr Kopf dröhnte immer noch. Unter dem Vollhelm kam hämisches Gelächter hervor. Ayoun schlug zu. Aber der Schlag war nicht gut gezielt und mit zu wenig Kraft geführt. Der Krieger machte sich nicht einmal die Mühe ihren Schlag abzuwehren, sondern holte stattdessen noch einmal zum Schlag aus und traf sie diesmal in die Seite. Sie konnte spüren wie ihre Rippen brachen. Ihr Schmerzensschrei hallte unnatürlich leise in ihren Ohren nach, bevor sie zu Boden sank.
Irgendwoher kam Taos Stimme: „Ayoun!“
Sie sah zu dem Krieger auf und fühlte wie Blut ihren Mund füllte. Sie spuckte es auf seien Stiefel. „Verflucht sollst du sein“, flüsterte sie mit schwacher Stimme, hörte sein höhnisches Gelächter und das letzte was sie wahrnahm, bevor die Welt in Dunkelheit versank war ein massiger Schatten der sich über sie beugte.

Published inKurzgeschichten

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