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Kaminari – Menschsein

Als die Sonne sich dem Horizont näherte, traten Ayoun, Kyo und Tao aus dem Camarowald. Die Straße vor ihnen war leicht abfallend und schlängelte sich in ein lang gezogenes Tal hinab, in dessen Mitte die Stadt Tik lag. Rechts und links des Weges lagen die zu dieser Zeit überfluteten und im Licht der untergehenden Sonne orange glitzernden Reisfelder der Bauern, die sich um die Provinzhauptstadt angesiedelt hatten. Da Tik in diesem Teil des Landes die größte Stadt war, kamen hier auch die meisten Händler aus den Nachbarländern her um ihre Waren feilzubieten und einzukaufen.
„Aaahh! Endlich aus dem düsteren Wald raus!“ seufzte Ayoun und reckte sich. Sie faltete den Fächer auseinander und hielt ihn sich vors Gesicht, welches einen sehr hellen Teint hatte und daher vor der Sonne geschützt werden müsse. Zumindest sagte sie das jedem. In Wirklichkeit schminkte sie sich extra so blass, um zerbrechlicher auszusehen und solche Idioten wie den Mann vorhin zu täuschen. Wie man sah funktionierte das sogar recht zuverlässig.
„Sag mal Ayoun, wieso versteckst du dein schönes Gesicht immer hinter dem Fächer? Ich meine, wirklich etwas zu verbergen gibt es ja nicht, oder?“ fragte Kyo leicht grinsend.
„Ach das versteht ihr Männer ja doch nicht.“ erwiderte Ayoun gespielt hochnäsig. „Stimmt. Wir werden nie verstehen wieso ihr Frauen euch schön schminkt nur um euer Gesicht anschließend doch zu verstecken.“ warf Tao lachend ein, während sie sich den ersten Reisfeldern näherten.
„Wir sollten unsere Waffen säubern bevor wir Tik betreten, denn blutige Waffen fallen doch irgendwie auf.“ sagte Tao, als sie an einem Reisfeld anlangten, auf dem gerade niemand arbeitete.
„Du hast Recht. Besonders dein blutiger Speer dürfte Aufsehen erregen, denn du darfst den ja nur als Abschreckung tragen und nicht wirklich einsetzen, weil die Benutzung sämtlicher Klingenwaffen ausschließlich der Armee und den persönlichen Beschützern vorbehalten ist“, antwortete Kyo und verdrehte theatralisch die Augen.
„Nach dem letzten Bauernaufstand, bei dem sie fast in den Thronsaal gekommen sind, weil sie sich eine blutige Schneise durch die Wachen gezogen haben, kann ich das sogar verstehen“, wandte Ayoun ein, während sie einen ihrer Geishaschuhe auszog und die Blutspritzer versuchte davon abzuwaschen. „Dieser Abschaum blutet aber auch wie verrückt.“ murmelte sie und erhob sich wieder. „Ich muss mir wohl Neue kaufen, wenn wir in Tik sind“. seufzte sie dann und warf beide Schuhe in hohem Bogen ins Reisfeld, wo sie wie zwei Schiffe oben trieben.

„Ich bin schon froh, dass ich trotz dieses Verbots meine Waffe behalten konnte. Auch, wenn ich die Speerspitze in Stoff wickeln muss, wenn wir unterwegs sind. So ein Brief, der einen als offiziellen Beschützer ausgibt und einem erlaubt Klingenwaffen zu führen, hat schon seine Vorteile“, gab Tao zu wissen und wickelte die gesäuberte Waffe wieder in den weißen Stoffstreifen ein, den er im Kampf immer sorgfältig sauber hielt.
Kyo schnaubte. „Hör doch auf. Du würdest doch jedem den Kopf abreißen, der deine geliebte Waffe anfasst, oder?“
„Wohl wahr. Aber ich zwinge ja auch niemanden dazu, nicht?“ erwiderte Tao grinsend, während Kyo seine Nunchakus trocknete und diese dann in seinen Gürtel steckte.
„Kommt ihr Jungs? Ich will vor Einbruch der Dunkelheit in Tik sein.“ ging Ayoun dazwischen, bevor sich die Beiden wieder aus Spaß verdroschen.
„Warum denn? Ist doch schön hier.“ sagte Kyo grinsend und machte eine Handbewegung die das ganze Tal einschloss.
„Es kann noch so schön sein.“ knurrte Ayoun. „Solange ich keine neuen Schuhe habe, habt ihr beiden nichts zu lachen klar?“ fügte sie böse schauend hinzu.
„Okay, okay Du bekommst neue Schuhe.“ wandte Tao schnell ein. „Komm Kyo. Du weißt doch, Frauen ohne Schuhe sind wie ausgehungerte Löwen. Nicht reizen, sonst reißen sie dich in Stücke!“
Die beiden Männer brachen unter Ayouns bösen Blick in schallendes Gelächter aus, folgten ihr dann aber immer noch kichernd.

Als sie die Tore von Tik erreichten, versank die Sonne gerade hinter dem Horizont und tauchte die Stadt in das Zwielicht der Dämmerung, welches nur durch die Fackeln am Tor etwas vertrieben wurde. Die vier Wachen, die mit Speeren ausgerüstet jeden kontrollierten, der um diese Zeit noch in die Stadt wollte, hielten auch sie an, winkten jedoch gelangweilt ab, als Tao ihnen ein paar Münzen in die Hand drückte, welche er aus dem Ärmel gezogen hatte.
„Wie ich korrupte Leute hasse.“ stieß er leise zwischen den Zähnen hervor, nachdem sie das Tor passiert hatten und außer Hörweite der Soldaten waren.
„Sei froh, dass sie bestechlich sind, sonst wären wir bestimmt nicht rein gekommen. Zumindest nicht ohne Ketten an Armen und Beinen.“ zischte Ayoun zurück.
Inzwischen hatten sie den Torbereich verlassen und waren in das Gewimmel kleiner Gassen und Plätze der Außenbezirke von Tik eingetaucht. Hier wo die arme Bevölkerung lebte und die Gebäude niedrig waren, bestanden die Straßen mehr aus fest gestampftem Lehm und Schmutz als aus Steinen. Mit der abendlichen Kühle stieg auch die Feuchtigkeit und lies die Straßen sich auflösen, so dass Ayoun schon kurz nach dem Eintreten bis zu den Knöcheln versank. Beschweren wollte sie sich allerdings nicht, denn Tao und Kyo erging es nicht eben besser. Nur das die beiden wenigstens noch Schuhe anhatten.
„Jetzt gehen wir aber erst zu einem Schuhmacher!“ stellte Ayoun fest und sah auf ihre mit Matsch beschmierten Füße hinunter.
„Dann kommt. Da hinten ist einer, wenn ich das richtig sehe.“ sagte Tao und deutete die Straße hinunter, auf der trotz der späten Stunde noch viele Menschen unterwegs waren.
„Na dann los. Spiel mal Brecher Tao.“ lachte Kyo und stieß seinen Freund nach vorne.
Tao knurrte ungehalten, begann aber sofort durch seine Größe und Körpermasse sich einen Weg durch die Menge zu bahnen. Kyo und Ayoun hatten keine Probleme in seinem Kielwasser durch die Menge zu schlüpfen und so standen die Drei schon fünf Minuten später in dem kleinen, spartanisch eingerichteten, Geschäft des Schuhmachers.
Mehr als ein paar Schemel und einen Arbeitstisch waren nicht zu sehen. Am anderen Ende des kleinen Raumes befand sich allerdings noch eine Tür, welche wahrscheinlich ins Lager führte und durch die in diesem Moment auch der Besitzer des Ladens kam. Es war ein kleiner Mann mit Glatze und gekrümmten Rücken vom vielen Arbeiten. Ein Bein zog er nach und stützte sich deswegen auf einen Stock. Ayoun schätzte ihn auf Mitte fünfzig, wenn nicht Anfang sechzig.
„Was kann ich für die Herrschaften tun?“ fragte der Schuhmacher mit Greisenstimme.
„Meine Frau braucht neue Geishasandalen. Ihre Alten sind heute auf dem Weg hierher kaputt gegangen und nun braucht sie umgehend Neue. Wir sind auf dem Weg einen guten und einflussreichen Freund zu besuchen. Daher hoffe ich für dich, dass du welche vorrätig hast, die ihr passen.“ sagte Kyo in Befehlston.
„Oh mit Sicherheit werter Herr.“ beeilte sich der Mann zu erwidern und kam näher, um sich Ayouns Füße anzusehen.
Er schien nicht mehr gut sehen zu können, denn er kniff die Augen zusammen, bevor er sich ganz nah zu den Füßen herabbeugte, für die er jetzt Schuhe aussuchen sollte. Dann nickte er und erhob sich ächzend wieder.
„Ich hole die Schuhe. Wenn die Herrschaften warten oder Platznehmen wollen?“ fügte der Schuhmacher noch an und verließ hinkend den Raum um gleich darauf im Nachbarzimmer mit der Suche zu beginnen.
„Ein Glück das niemand danach fragt wer wir sind, wenn wir als Ehepaar auftreten.“ murmelte Ayoun, die inzwischen mit einem Stofftuch, welches über einem Schemel gehangen hatte, ihre Füße von Schlamm und Dreck befreite.
„Ja die Tarnung ist Wasserdicht, da es bei Strafe verboten ist, dass die Niedrige Bevölkerung den Reichen etwas abschlägt“, erwiderte Kyo verächtlich und lehnte sich dann lässig gegen Wand.
„Ich hoffe wirklich, dass der Alte ein passendes Paar für dich hat. Sonst wird der restliche Weg kein Zuckerschlecken für dich.“ fügte er dann noch hinzu.
In diesem Moment kam der Schuhmacher wieder mit einem paar Geishasandalen, welches anscheinend erst vor kurzem angefertigt worden war. Er stellte die beiden Holzschuhe vor Ayoun auf den Boden.
„Wenn die Lady sie einmal anprobieren möchten?“ sagte er unterwürfig und wartete geduldig bis sie mit ihren Füßen in die Seidenschlaufen geschlüpft war.
Die schwarzen Stoffstreifen waren etwas zu weit, aber das Kirschholz, aus denen die Schuhe gemacht waren, fühlte sich sehr angenehm an.
„Die Schlaufen sind zu weit für meine Füße. Könnt ihr sie etwas enger machen?“ fragte Ayoun leise.
„Aber sicher. Dafür muss man nur hier etwas ziehen.“ entgegnete der Schuhhändler und sank auf die Knie, um Ayoun zu zeigen, wie sie die Sandalen enger und weiter schnüren konnte.
„Gut die nehmen wir!“ stellte Kyo sachlich fest und nickte Tao zu, welcher sofort einige Münzen auf den Arbeitstisch fallen lies.
Der alte Mann nickte und erhob sich wieder. Anschließend verließen die Drei den Laden.
Draußen wandten sie sich wieder dem Gewirr aus Nebengassen zu, in dem sich nun kaum noch jemand blicken lies, da es inzwischen ganz Dunkel geworden war und dort keinerlei Licht den Weg erhellte.
Selbst das Mondlicht reichte nicht aus, um in den engen Gassen und Sträßchen für genügend Licht zu sorgen.
„Verflucht ist das dunkel hier“, meckerte Tao und stieß nun schon zu dritten Mal gegen ein Holzfass.
„Bleib ruhig Großer!“ beschwichtigte Kyo ihn und zeigte nach vorn.
„Wir sind da.“

Published inKurzgeschichten

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