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Kaminari – Schmerz

Leise schloss Sorae die Schiebetür ihres kleinen Hauses. Sofort stand sie wieder im Stockdunkeln, aber sie kannte ihr Reich in und auswendig und stolperte deswegen nicht einmal über den niedrigen Tisch, der in der Mitte des Raumes stand, als sie die Kerzen anzündete die in einem eisernen Ständer in der Ecke steckten. Nachdem die Kerzen die Dunkelheit vertrieben hatten wurde der Rest der spartanischen Einrichtung sichtbar. Mehr als eine Strohmatte, der niedrige Tisch und eine Teeschale aus feinem Porzellan war nicht zu sehen. Sorae nahm die Schale und ging ins Nebenzimmer, das einzige, welches neben dem Vorraum noch existierte. Hier lag ihr Bett auf dem Holzboden und hier war auch der zweite Ausgang, der auf eine kleine Terrasse und schließlich zum Brunnen führte, aus dem sie ihr Wasser schöpfte.

„Man war das eine Nacht“, murmelte sie und kniete sich auf den Boden. Sie fuhr mit dem Finger an einer Dielenkante entlang, welche plötzlich, mit einem leisen klacken, nach oben Sprang. Vorsichtig hob Sorae die Falltür an und betrachtete den Hohlraum der darunter zum Vorschein kam. Da sie keine Schränke besaß, lagerte sie dort drin nicht nur Diebesgut, sondern auch ihre Kleider und. Letztere lag ganz oben drauf, was die meisten Männer dazu veranlasste die Finger davon zu lassen.
Seufzend hob sie den kleinen Kleiderstapel heraus, der ihren ganzen Besitz darstellte und warf den Kapuzenumhang ab, wodurch ihr schmutziger brauner Haarzopf über den Rücken fiel. Nachdem sie den Mantel sorgfältig zusammengelegt hatte, verstaute sie ihn zuunterst in dem Wäscheschrank.
Anschließend legte sie das Samtbündel, welches heute Nacht ihre Beute gewesen war neben sich auf den Boden und wickelte es sorgfältig aus. Das Familienschwert des Kondaclans ruhte wie ein Juwel inmitten des Schwarzen Samtes. Die Scheide war aus einem einzigen Stück weißes Holz geschnitzt und absolut Schmucklos. Nur ein rotes Seidenband, welches um den Griff des Schwertes gebunden war, umwickelte das ebenmäßige Holz. Ehrfürchtig wickelte Sorae das Schwert aus und zog es langsam aus der Schneide. Das leise Geräusch mit dem die Klinge aus der Scheide glitt verursachte ihr ein prickeln auf der Haut. Schließlich hielt sie es in der Hand. Eine vollendete Waffe. Perfekt ausbalanciert und so scharf, das selbst Holz damit wie Butter zerteilt wurde. Sie atmete einmal tief durch und machte einen Schwung mit der Klinge, welche beinahe Geräuschlos die Luft durchschnitt. Den Griff mit beiden Händen umklammernd drehte sie die Klinge, so dass sie sich darin sehen konnte.
Sie war nicht hässlich, aber auch nicht gerade hübsch.
Sie hatte braune Augen, eine Stupsnase und eigentlich gepflegtes dunkelbraunes Haar, was beinahe an Schwarz grenzte. Nun allerdings war ihr Gesicht mit Asche beschmiert und die Haare ebenso.


Widerwillig schob sie das Schwert wieder in die Scheide zurück, umwickelte diese mit dem Roten Band und schlug es danach in das Samttuch ein. Erst dann versenkte sie auch dieses Beutestück in dem Hohlraum unter ihrem Boden.
Nachdem sie auch die Lederstiefel, die eng anliegende Lederhose und das ebenso eng anliegende Hemd ausgezogen und verstaut hatte suchte sie sich ihren Kimono heraus und legte ihre Sachen wieder an ihren Platz. Dann schloss sie die Falltür wieder, welche sich so perfekt in den Boden einfügte, dass sie selbst für einen Aufmerksamen Beobachter kaum zu sehen war. Vollkommen unbekleidet erhob sie sich und verließ das Haus auf der Rückseite.
Sorae griff sich im vorbeigehen den Eimer, der auf der Holzterrasse stand und schlenderte leise summend zum Brunnen. Trotz das es in dieser Nacht empfindlich kalt war fror sie nicht. Ihr Körper pumpte immer noch Adrenalin durch ihre Adern und nach so einer halsbrecherischen Flucht hatte er dazu auch allen Grund. Warum musste der Wachposten auch genau vor der verdammte Tür stehen, als sie diese geöffnet hatte? Sie hatte ihn nicht gehört, oder gesehen. Und das trotz der dicken Samurairüstung. Entweder hatte der schon die ganze Zeit dort gestanden, oder aber der Typ hatte sich so leise bewegt, dass es ihr unheimlich war.
„Lieber nicht mehr drüber nachdenken. Sonst werde ich noch verrückt“, sagte sie zu sich selbst, als sie den Eimer über den Brunnenrand wuchtete. Langsam und immer noch in Gedanken schlenderte sie ins Haus zurück und füllte ihren Kupfernen Teekessel mit Wasser, bevor sie in der Feuerstelle, die direkt an der Terrasse lag, ein kleines Feuerchen entzündete und das Wasser zum kochen darüber hängte. Mit dem restlichen, eiskalten, Wasser wusch sie sich die Asche aus dem Gesicht und spülte ihre Haare aus, bevor sie in den langärmeligen Kimono schlüpfte. Der Stoff war zwar fein und auch mit einem schönen Blumenmuster bestickt, aber einfach gehalten. Einen teuren, aufwändig bestickten und geschneiderten Kimono konnten sich ohnehin nur die Oberen Schichten leisten. Und dazu gehörte sie bestimmt nicht.
Während sie sich die Haare kämmte begann der Teekessel draußen zu pfeifen. Schnell holte sie den heißen Kessel herein und füllte ihre kleine Teekanne mit heißem Wasser, nachdem sie eine Mischung aus verschiedenen, getrockneten Kräutern in den Filter gegeben hatte. Anschließend stellte sie die Kanne beiseite und fuhr fort ihre Haare zu kämmen. Dabei wanderten ihre Gedanken wieder zu der kleinen Thoru. Süß war sie ja. Aber sie hatte sie gesehen. Würde sie sich an das Versprechen halten oder würde Thoru sie verraten. Sicher das Mädchen kannte ihren Namen nicht, aber kleine Kinder hatten ein verdammt gutes Gedächtnis, wenn es um Gesichter ging. Die Idee mit dem Märchen um Izanagi und Izanami war ihr spontan gekommen, da eigentlich jedes Kind die beiden kannte und die Schöpfungsgeister verehrte. Glücklicherweise hatte Thoru das ganze geglaubt…hoffte sie zumindest.
Sorae schüttet sich etwas Tee in ihre Schale und ging zu dem niedrigen Tisch in Vorraum um sich dort niederzulassen und auszuruhen.
Ihr Auftraggeber hatte zwar verlangt „Keine Zeugen“ aber sie konnte ja schlecht ein Kleines Mädchen meucheln, das überhaupt keine Schuld daran trug das sie sich gerade ihr Zimmer zum Einsteigen ausgesucht hatte oder?
Der ganze Coup war etwas blöde gelaufen. Zuerst hatte sie im Affekt die zwei Männer im Garten erstochen, weil sie dachte die Beiden hätten sie gesehen und sich anschließend hatte sie sich im Fenster geirrt. Ein Fenster weiter rechts wäre eine Abstellkammer gewesen. Dann hätte sie Thoru nicht geweckt und auch keinen Wächter getroffen, da sie durchs selbe Fenster wieder ausgestiegen wäre. Verflucht wieso war das so alles so kompliziert? fragte Sorae sich immer wieder in Gedanken, während sie die Teeschale ausspülte und den Kimono ablegte.

Sie hoffte inständig, dass sie nicht alle Zeugen nachträglich würde beseitigen müssen.
Sie hoffte es wirklich!

Jeder Atemzug war mit einem Stechen in der Brust unterlegt. Jede Bewegung gab den Schmerzen in ihrer Seite weitere Nahrung und den Kopf konnte sie schon gar nicht bewegen, ohne dass sie das Bewusstsein verlor. Sie wusste nicht wie lange sie schon in diesem Alptraum gefangen war. Stunden? Tage? Wochen? Sie wusste es nicht. Das Einzige was klar vor ihrem inneren Auge stand war der gepanzerte Riese den sie irgendwo schon einmal gesehen hatte aber sie konnte sich nicht erinnern wann und wo das gewesen war.
In ihren Ohren war ein permanentes Rauschen, welches alle anderen Geräusche verschluckte und sie somit vollkommen von der Außenwelt abschnitt, denn ihre Augen waren Blind. Sie konnte sie zwar öffnen aber sehen konnte sie nichts, da irgendetwas darüber lag. Sie versuchte einen Arm zu heben aber selbst das schaffte sie nicht. Ihr Körper war scheinbar vollkommen in irgendetwas eingewickelt.
Panik befiel sie. Sie konnte nichts sehen, nichts hören und sich auch nicht bewegen. Ein nicht enden wollender Alptraum, der sie gefangen hielt und sie war unfähig aufzuwachen.
„Hilfe!“ dachte sie verzweifelt. „Hilfe! Holt mich hier raus!“
Plötzlich eilige Schritte dann Stimmen. „Sie ist aufgewacht! Schnell, kommt her!“
„Oh nein jetzt wissen sie das ich wach bin“, kam es Ayoun nun in den Sinn.
„Was, wenn ich mich in den Händen des Riesen befinde? Oder…?“ weiter kam sie nicht, denn in diesem Moment nahm ihr jemand die Augenbinde ab. Sofort kniff sie die Augen zusammen, denn das Licht, welches ihr in die Augen stach war so grell, dass es ihr Tränen in die Augen trieb. Das Einzige was sie erkennen konnte war ein massiger Schatten, der sich über sie beugte.
Auf einmal durchzuckte Ayoun eine Erinnerung.
Sie lag auf dem Boden, spuckte Blut und ein höhnisch lachender, massiger Schatten beugte sich über sie.
„Geh weg!“ stieß sie hervor und trat mit voller Kraft zu.

Published inKurzgeschichten

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