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Kaminari – Verhängnis

17. März

700 nach Kyoto

Camaro Wald

Hara saß, seit dem frühen Morgen, in seinem Versteck in der Baumkrone. Langsam taten ihm seine Knochen alle weh und bisher war niemand die Straße entlang gekommen. Koni saß daneben. Ihm war anzusehen, dass auch sein Körper schmerzte. Auf der anderen Seite des Weges saßen Han, Myou und Fura in den Bäumen. Zusammen waren sie eine Bande mieser Diebe. Aber recht erfolgreich, da der Weg, der durch den Camaro-Wald verlief, die einzig halbwegs sichere Route zwischen Camaro und Tik war. Und Jeder, der hier durch wollte, musste Wegzoll zahlen. Die anderen Routen führten entweder durch stark von Wölfen und anderen wilden Tieren befallene Gebiete oder durch die kaiserlichen Zollstationen so teuer geworden, dass es sich nicht lohnte sie zu bereisen. Aber jetzt endlich am frühen Abend, als der Weg durch die Sonne noch gut beleuchtet wurde, kamen drei Gestalten den Weg entlang. Endlich würde er von seinem Baum runter kommen. Und so wie die Drei aussahen würde es sich auch noch lohnen.
Es waren zwei Männer und eine Frau. Der Eine trug ein weit geschnittenes blaues Hemd und dazu eine blaue Hose, die ebenfalls sehr weit geschnitten war und dadurch extrem viel Bewegungsfreiheit bot. Der Mann maß sicherlich, zwei Schritt und seine Muskeln, die man selbst unter dem weit fallenden Stoff gut erahnen konnte, unterstrichen seine Größe nur noch. In der rechten Hand trug er eine bestimmt zwei Schritt lange Stange, dessen Spitze in weißen Stoff eingewickelt war. „Was meinst du Koni? Was könnte das sein hm?“ raunte Hara seinem Freund zu. „Die Waffe?“ Koni überlegte. „Könnte ein Kampfstab sein oder ein Speer“, überlegte der Bandit. Hara nickte. „Das dürfte der Beschützer unseres Pärchens sein. Auf den müssen wir etwas genauer achten.“ Dann musterte er die anderen beiden genauer.
Der zweite Mann war wesentlich kleiner als der Andere. Nicht viel größer als Hara selbst. Eher noch kleiner, Hara war nämlich nicht gerade groß. Er war sogar der Überzeugung, es gäbe nicht allzu viele kleinere Menschen. Hier hatte er einen vor sich. Der Mann war scheinbar recht schlaksig, denn unter seinen eng geschnittenen schwarzen Kleidern zeichneten sich nicht ein hauch von Muskeln ab. Sein langes, pechschwarzes Haar, trug er zu einem hüftlangen Zopf gebunden. Waffen hatte er keine bei sich, zumindest keine, die man sah. Hara rechnete mit einem Dolch oder Messer, mehr nicht.
Die Frau war genauso groß wie der schwarz Gekleidete. Sie trug ein weißes knöchellanges Kleid und so wie sie sich bewegte, trug sie Geishasandalen. Diese zwei Holzklötze, mit nichts weiter als zwei rechteckigen Holzklötzen als Standfläche darunter, in denen sie unmöglich weglaufen konnte. Ihr silbernes Haar fiel ihr weit über den Rücken. In der Hand hielt sie einen großen weißen Fächer, mit dem sie ihr Gesicht verdeckte. Auf diesem waren blaue Linien gemalt, die wie eine Windströmung wirkten. „Hui das ist aber nicht billig, was die mit sich rumschleppen“, flüsterte Koni. „ Ja das sieht nach leichter Beute aus. Das einzige Problem dürfte der Große sein. Die anderen Beiden sollten uns keine Schwierigkeiten machen “, flüsterte Hara zurück.
„Pass auf. Sobald sie unter uns sind geht’s los!“

„Jetzt!“ brüllte Hara und schwang sich aus den Ästen auf die Straße.
Er landete zusammen mit Koni und Myou vor den Dreien, während Han und Fura den Fluchtweg abschnitten.
Aus der Nähe betrachtet sahen sie noch reicher aus. Die Kleidung war aus feinster Seide. Hara und seine Bande hingegen waren nur in abgerissene, dreckige Lumpen gekleidet, da sie trotz allem Erfolg, sich nirgends einkleiden konnten. In die Städte konnten sie sich nicht wagen und ein Stoffhändler war hier schon ewig nicht mehr vorbeigekommen. Es sah allerdings so aus, als würden sie hier und jetzt neue Garderobe bekommen.
Ein Grinsen umspielte Haras Lippen, als seine Männer ihre Schwerter zogen.
„Dürfte ich die Herrschaften um die Geldbeutel und Kleidung bitten?“ fragte er zuckersüß. Sein Grinsen wurde noch breiter, als die Frau einen Schritt zurück machte und sich hinter dem Schwarz gekleideten zu versteckten versuchte.
„Kümmert euch um die Beiden“, rief er. „Die Frau gehört mir!“ fügte er mit einem süffisanten Grinsen hinzu.
Seine Männer verwickelten die beiden Begleiter der Frau sofort in einen Kampf, der deren gesamte Aufmerksamkeit beanspruchen würde. So konnte er sich in Ruhe der Frau und seinem Vergnügen widmen.
Seine Knöchel knackten, als er die Fäuste ballte und grinsend auf die Silber haarige zuging. Diese hatte ihren Fächer ein geklappt und sah ihn ängstlich an. Wie er jetzt feststellte, trug sie tatsächlich die Geishaschuhe. In denen konnte sie ihm nicht entkommen.
„Na komm her Kleines“, rief er neckisch und griff nach ihrem Arm aber sie entzog sich seinem Griff mit einem schnellen Schritt zur Seite.
„Na was soll das denn Schätzchen? Ich krieg dich ja doch.“ grinste er und folgte ihren Bewegungen, ohne sie aber zu fassen zu bekommen.
Die Silberhaarige entzog sich immer knapp seinem Zugriff, indem sie einen Schritt zurück oder zur Seite tat. Langsam wurde er ungehalten.
„Jetzt komm schon!“ knurrte er und sah ihr dabei direkt in die Augen.
Was er dort erblickte, lies ihn kurz zögern. Hara hatte einen verängstigten, verzweifelten oder um Gnade flehenden Blick erwartet, aber was er in ihren smaragdgrünen Augen las, war eine kalte Berechnung, wie er sie bisher nur bei Zollbeamten gesehen hatte, die Einfuhrsteuern eintrieben. Weder nackte Angst, noch verzweifeltes Flehen konnte er in ihrem Blick entdecken und in diesem Moment begriff er, dass sie einen Fehler gemacht hatten. Dieses Trio anzugreifen war ein Ausrutscher gewesen, den sie nicht wiederholen würden.
Das sagten ihm diese grünen, abgrundtiefen Augen.
Hara war wie gelähmt und dieser kleine Moment kostete ihn das Leben, wie er gleich darauf merkte. Ein stechender Schmerz strahlte von seinem Solarplexus, gekrümmt wand er sich am Boden. „Los steh auf! Du Versager!“ dröhnte die Stimme der Frau in seinen Ohren. „Oder war das schon alles was du kannst?“ fragte sie, während sie sich mit ihrem Fächer provozierend Luft zuwedelte. Hara stemmte sich mühsam wieder hoch. „Das…wirst du…büßen…Miststück!“ keuchte er und warf sich, trotz des Schmerzes in seiner Brust, nach vorne. Etwas Hartes, Hölzernes traf ihn mitten ins Gesicht, er taumelte. Sein Schrei hallte ihm in den Ohren. Angewidert spuckte er seine blutigen Vorderzähne aus. Mit einem heiseren Brüllen griff er wieder an – zerquetschen würde er sie – sah ihr Gesicht und die Vorstellung es zu zermantschen trieb in voran – doch plötzlich hatte er eine weiße Wand vor Augen, das hässliche Geräusch splitternder Knochen im Ohr und ein heftiger Schmerz als sein Rücken auf den Boden krachte. Er sah den Fuß auf sein Gesicht niedersausen, und die grünen Augen. Diese kalten, grünen Augen.

Ayoun blickte voller Abscheu auf das zermanschte Gesicht des Mannes herunter, der scheinbar der Anführer dieser Banditen gewesen war. Auf ihrem Gesicht standen Verachtung und Ekel geschrieben. Anschließend trat sie zu Tao und Kyo. Der Hüne Tao hatte einen Mann die Kehle aufgeschlitzt und den anderen seinen Speer in den Bauch gestoßen. Der Stoff in den die Klinge eingewickelt war steckte in seinem Gürtel. Der dritte Angreifer lag mit eingedrücktem Kehlkopf am Boden und wand sich noch. Lange aushalten würde er es nicht mehr. Der Letzte der illustren Truppe saß zitternd vor Kyo am Boden und blickte aus Angst geweiteten Augen zu den Dreien hoch. Ayoun verstand, wieso die Beiden ihn am Leben gelassen hatten. Der Kleine war noch ein Junge und soweit sie das beurteilen konnte, hatte er nicht mal seine ersten Bartstoppeln. Er hielt sein Handgelenk umklammert, welches wohl gebrochen war und so bald wohl auch nicht mehr verwendet werden würde. „Du brauchst keine Angst zu haben“, sagte Ayoun zuckersüß. „Wir werden dich nicht umbringen. Zumindest nicht, wenn du uns einen Gefallen tust.“ Der Kleine nickte eifrig. „A ..alles was ihr wollt Lady“, stotterte der Junge. „Sehr brav mein Kleiner. Du wirst Allen sagen, dass diese Straße nun Banditenfrei ist klar? Sollten sich hier je wieder Banditen herumtreiben, so werden wir wiederkommen und das wird niemand überleben Verstanden?“ fragte sie leise aber eindringlich, während sie mit ihrer Hand über seine Wange strich. Ayoun hatte Recht gehabt. Blank wie ein Babypopo. „Gute Nacht“, flüsterte sie noch, bevor sie an ihm vorüberging. Sein Blick folgte ihr verwirrt, bevor Taos Faust sein Bewusstsein auslöschte.

Published inKurzgeschichten

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