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[Michael] Sternenstaub

„Wenn in L.A. die Sonne aufgeht ist es als würde man auf den Ruinen eines besseren Lebens stehen.“  Michael sah die 8 Stufen des Hauseingangs runter bis auf die unterster Stufe, wo ein etwa sechzig jähriger, schwarzer, Obdachloser stand und philosophierte. Er grinste den alten Mann an: „Oscar das klingt so gar nicht nach Dir.“
„Danke Sir, das ist es auch nicht.“ Oscar sah zu dem jungen Deutschen auf und betrachtete seine hagere Gestalt. Seine blauen Augen wirkten wach und unruhig, wie auf etwas gerichtet, dass man auf den asphaltierten Straßen der Stadt nicht wahrnehmen konnte. Seine dunklen Haare umrahmten sein Gesicht und gaben Michael eine mysteriöse, anziehende Aura.
„Ist nicht viel passiert hier in der Gegend. Die üblichen verdächtigen und Mrs. Dreyfuss aus der 118 ist ins Krankenhaus eingeliefert worden. Wohl ein Herzinfarkt.“ Er zuckte mit den Schultern, als würde er es bedauern, sich aber dem Schicksal beugen, dass Leuten aus dieser Gegend nunmal widerfährt.
„Naja, man kann nicht immer Glück haben!“ Michael warf dem alten Mann eine Orange zu und bestätigte Oscars Schicksalsergebenheit. „Hier, ein paar Vitamine.“ Dann überreichte er ihm drei Dollar. Er war seine beste Quelle in diesem Viertel und lebte direkt unter der Treppe zum Hauseingang.

Gut das er so früh aufgestanden war, heute musste er etwas weiter suchen um nach einer Story Ausschau zu halten. Er lief los. Die Nacht war noch nicht aus den Gassen verschwunden, als er sich eine besonders dunkle aussuchte, die ihm zum „Black Lions Club“ in Chinatown führte. Hier in Chinatown, hatte er sich sagen lassen, gaben sich die Stars die Klinke in die Hand. Aber um diese Uhrzeit verschwanden sie nicht durch den Haupteingang, sondern durch die Gassen, wie streunende, sehr betrunkene Katzen. Er grinste amüsiert und betrachtete seine Kamera. Das Objektiv, war eine der wenigen Möglichkeiten die Realität der Anderen zu sehen, wenn sein Blick in die Geisterwelt abdriftete. Hätte seine Großmutter ihn damals nicht aus dem Heim geholt und erzählt, dass sie auch Geister sehen konnte, wäre er heute sicher in einer psychiatrischen Anstalt und nicht in den USA.  Heute gilt er als angesehener Berater und Geisterjäger. Dennoch, in seiner Geldbörse sah es mau aus zu viel Konkurrenz. Er hasste es als Paparazzi um die Häuser zu schleichen, aber die Miete würde nächste Woche fällig und einem Fotografen überweist man schneller das Geld für gute Fotos.
Dann als er am Black Lions Club ankam verschlug es ihm die Sprache.

„Schnee,“ dachte er im ersten Moment und hielt den Atem an, dann sah er dass die Luft nur so von Geistern schwirrte. Winzig kleine, insektenartige Geister schwirrten vor sattem grün, überbordenden Pflanzengestrüpp. Grün und gelb lumineszierende Ranken wanden sich die Clubmauer hoch und alles strotzte hier so vor Leben. Außer am Notausgang, da hielt sich die Vegetation zurück. Eben hier machte alles einen Bogen um die Beiden Gestalten. Leise, ganz ruhig schlich er näher, hob die Kamera schaute durch das Objektiv in die graue, schmutzige Gasse und als er nah genug war, drückte er ab. Der blonde Mann zog seine Magnum und hielt sie Michael vor das Gesicht.  „Gib mir die Speicherkarte.“ knurrte der Fremde.
Michael trat instinktiv ein paar Schritte zurück, auch wenn das nichts bringen würde.
„Ganz ruhig, wenn das zwischen Lanie und dir nicht rauskommen soll, kein Problem.“ Er hob demonstrativ die Hand und entfernte die Speicherkarte.
„Moment sie wissen wer ich bin?“ Die Stimme die zu ihm sprach, passte nicht zu der jungen Frau mit den Wasserblauen Augen. Sie wirkte irgendwie älter, aber das machte sie interessant.
„Bald wird dich jeder kennen, du hast Talent und einflussreiche Freunde.“
„Du kennst dich aber aus. Bist wohl doch mehr als ein Paparazzi. Vielleicht sogar ein Stalker?
„Wäre ich ein Stalker, würdest Du nicht mit ihm hier abhängen, sondern mit mir.“

Der blonde Typ spannte den Hahn seiner großkalibrigen Waffe und Lanie packte ihm am Arm um ihn zurück zu halten. Er gehorchte ihr. „ Wie du siehst ist er kein Stalker, also musst du dir keine Sorgen machen Scott. Seinen Namen nannte sie wohl etwas schärfer als sie beabsichtigt hatte, also ruderte sie einen Schritt zurück und strich ihm zärtlich über den Arm.
„Lass gut sein, ich glaube er kann mir noch nützlich sein. Aber nicht wie du denkst Schatz.“ Scott lies die Waffe sinken, es schien so als Stünden sie nur den Bruchteil von Sekunden unter einem gegensätzlichen Bann. Dann war der Moment auch schon wieder vorbei und sie fragte Michael: „Also was machst du hier?“
“Ich bin auf der Jagd nach Geschichten, ich bin freiberuflicher Journalist“… und Geisterjäger wollte er noch sagen aber da unterbrach sie ihn schon.
„Also auf der Jagd nach Geschichten? Ich hätte da vielleicht tatsächlich etwas. Wie wäre es wenn ich ein bisschen aus dem Nähkästchen plaudere und dir erzähle, wer in meinem Kolleginnenkreis so auf dieses mysteriöse Tinctoria abfährt? Natürlich habe auch ich ein paar nette Fotos. Sie schwenkte ihr Handy vor seiner Nase. „ Los Scott gib ihm die Karte. Er soll noch ein paar Bilder von uns machen, auf denen ich gut zur Geltung komme.“ So sprach sie und sie posten wirkungsvoll für die Medien. Treffer.
Nach dem Shooting verabredeten sie sich für morgen um die selbe Zeit und gingen ihrer Wege. Scott allerdings richtete noch einmal drohend die Waffe auf ihn. „Bam!“ schrie er und lachte, eher er in seinen Wagen stieg. Ein seltsam wohliges Gefühl  machte sich in Michaels Magengegend breit. „Das nennt man wohl schicksalhafte Begegnung,“ murmelte er und drehte sich um. Die Miete war schonmal gezahlt. Er blickte nach oben und schaute wie die Sterne am morgendlichen Himmel verblassten und tausende kleiner Käfer wie flirrender Sternenstaub herum wirbelten. Tinctoria also…

Published inRollenspiel-Storys

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