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Preludium

„Ich muss mir diese Vorwürfe nicht bieten lassen!“, knurrte es durch den Raum. Sam, der Primogen der Gangrel war schon seit längerer Zeit nicht mehr auf seinem Stuhl und stand an dem runden Tisch, seine Hände lagen auf der Tischplatte und er hatte sich leicht nach vorne gebeugt. Eine bedrohliche Geste die sagen wollte ‚Vorsicht, ich beiße!‘.

Die dicke Kerze in der Mitte des Tisches flackerte kurz. Die einzige Lichtquelle im Raum, auch wenn es nur wenig Licht war. Für den Besprechungsraum in dem Kellergewölbe des Schlosses längst nicht ausreichend, aber die Kerze war auch nur ein Symbol – und ein Zeitmesser zugleich.

Anne Thesman, Primogen der Tremere, saß dem Gangrel gegenüber und erwiderte seinen Blick ausdruckslos. Sie hatte gesagt, was zu sagen war. Die Anklage stand bedrohlich im Raum. Neben ihr verschränkte der alt aussehende Bruhja die Arme vor der Brust und blickte von einem zum Anderen. Tether Nowak war als Primogen der Bruhja erstaunlich ruhig geblieben. Auch erhob er noch nicht das Wort. Er tat etwas, dass die Tremere innerlich sicherlich zur Weißglut brachte: Er wartete ab.

„Was sollen das für Beweise sein?“, lenkte die krächtzende Stimme des Nosferatu ein. Er hatte ebenfalls die ganze Zeit nur gelauscht. Hier, im Rat der Primogene versteckte er sich nicht in der Dunkelheit. Er saß am Tisch und zeigte seine ganze Scheußlichkeit. Nur seine Augen verrieten, dass er zu Lebzeiten wohl asiatischer Abstammung war. Chen Tawakare, Primogen der Nosferatu und obendrein mitten im Informationsnetz der Stadt Hamburg.

Sam machte eine abwertende Geste zu Anne, als wolle er sagen ‚Frag sie!‘. Der Wolfling war noch nie Freund von großen Worten gewesen und verriet mit seiner Körpersprache meist alles. Die Tremere reichte dem Nosferatu einen USB-Stick. Dieser nickte knapp, stand auf und ging ein paar Schritte durch den Raum. Wenig später warf ein Projektor das Bild an die kahle Steinwand.

Einen Moment Schweigen, dann sprach Chen:
„Dieser Gangrel dort ist uns bekannt unter dem Namen Harald Seger. Wie ihr sehen könnt, hält er eines der Katanas in der Hand die dort in der Lagerhalle waren. Laut den Vorwürfen ist das die Mordwaffe, mit welcher der rasende Gangrel vernichtet wurde.“

„Das Bild sagt überhaupt nichts aus.“, knurrte Sam und setzte sich wieder hin.

Tether legte die Hand ans Kinn. Der Bruhja schüttelte anschließend den Kopf: „Wir haben die Waffen von dem Zeugen, diesem Johnny Parker untersucht. Er hat dem Wachmann in den Kopf geschossen. Der Rasende hat drei Menschen zerfetzt, warum also dieser Schuß? Ich denke nicht das der Wachmann eine Bedrohung war. Weder für Harald noch für Johnny.“

Anne runzelte die Stirn: „Darum geht es hier überhaupt nicht. Es geht darum, dass auf öffentlichem Gelände, wie dem Hafen, ein rasender Gangrel rumstreunt, Leute zerfetzt und damit mehrere Verstöße gegen die Maskerade tätigt. Das die Gangrel nicht mehr unter Kontrolle sind, sieht man daran das sie sich nun schon gegenseitig auseinandernehmen.“

Sie wollte wohl noch weiter ausholen, aber sie wurde jäh von einem Faustschlag auf die Tischplatte unterbrochen. Sam beließ die Faust wo sie war und schluckte seine Worte mit Mühe herunter. Alles was er jetzt gesagt hätte, würde gegen ihn verwendet werden, dass war ihm bewußt.

„Was ist mit den Bränden? Wollt ihr die auch den Gangrel zuschreiben, Primogen?“, wieder erklang die Stimme des Bruhjas im Raum. Chen blendete sogleich aktuelle Nachrichtenvideos ein, die nun tonlos die Wand mit einem Flammenmeer einhüllte. Zu sehen war die Kunsthalle Rose und ein Club in der Nähe des Hauptbahnhofs – beide waren in der gleichen Nacht in Brand gesteckt worden. Das es sich bei diesen abgesicherten Gebäuden um Brandstiftung handeln musste, darin waren sich die vier Primogene einig.

Chen erklärte wieder: „Die Kunsthalle Rose gehört den Toreador, genauer gesagt den Zwillingen LaCroix. Ich brauche sicher nicht erwähnen was für Sicherheitsstandarte dort herrschen. Neunzehn Menschen sind dort ums Leben gekommen, sie wurden zerrissen, ausgeweidet und ihnen fehlte viel Blut. Das Feuer musste die Geißel legen um die Maskerade aufrecht zu erhalten, ebenso wie die Polizeiarbeit überwacht wird. Wer auch immer da reingekommen ist, hat ganze Arbeit geleistet. Zwei Kandidaten für den Kuss waren ebenfalls anwesend. Einer konnte gerettet werden – der Andere…“

Der Bruhja verstand den Blick des Nosferatu und führte fort: „Er wurde von einem unbekannten Bruhja zum Vampir gemacht um Serrah eins auszuwischen. Hat ihn ihr direkt vor der Nase weggeschnappt. Ich denke das kommt ihnen allen bekannt vor.“

Betretenes Schweigen. Sams Wut schien mittlerweile verflogen zu sein. Ein Bruhja ohne Erlaubnis. Gleiches Boot.

Anne sprach aus was alle dachten: „So wie beim Sohn des Prinzen. Er verhöhnt uns. Ein Nachahmer wohl, der Verantwortliche damals wurde exekutiert.“

Tether nickte langsam: „Deshalb gehen wir davon aus, dass es sich um Sabbatvampire handelt. Sowohl die Gruppe, die in der Kunsthalle zugange waren wie auch jene, die so nah am Bahnhof Feuer gelegt haben.“

„Warum der Club?“, fragte die Tremere frei heraus.

Tether Nowak spürte die Blicke der drei Primogene auf sich, doch seine Mimik regte sich nicht: „Wahrscheinlich wollten sie nicht nur Serrah eins auswischen. Raziel war dort um ihre Genehmigung einzulösen.“

„Eure Tochter?“, ein Mundwinkel hob sich im Gesicht der Tremere. „Das macht sie zur Hauptverdächtigen.“

„Es ist der verfluchte Sabbat!“, brüllte es nun aus dem Bruhja heraus. Seine anhaltende Ruhe war mit einem Schlag vorbei. Wieder flackerte die Kerze auf dem Tisch. Sam blickte zur Tremere, seine tiefen Augenhöhlen taten ihr übriges um den finsteren Blick seinerseits zu verstärken. Gleiches Boot.

Anne hingegen versuchte es nicht einmal den Blicken der beiden Primogene stand zu halten und schaute stattdessen zu Chen: „Das bedeutet, dass wir das Beweismaterial bezüglich des rasenden Gangrels und der Brandstiftungen nochmal überprüfen müssen. Außerdem will ich, dass mir jemand Raziel herholt. Sie ist nicht nur verdächtig der Brandstiftung dieses Clubs, sondern war auch noch in der Lagerhalle wo der rasende Gangrel ermordet wurde.“

Tethers Blick wurde immer finsterer und Sam konnte durch die unmittelbare Nähe sehen wie der Bruhja seine Hände zu Fäusten ballte.

Anne Thesman lächelte. Es war ein falsches Lächeln eines Jägers, der seine Beute zappeln ließ bevor er sie tötete: „Es sieht schlecht aus um sie, hoffentlich hat sie ein gutes Alibi. Wir wissen alle, dass ihr Hang zum Anarchismus eine Bedrohung für die Camarilla darstellt.“

Tether stand auf und riss dabei fast den Stuhl um. Er wandte sich ab und fauchte im gehen noch: „Ich werde sie selbst holen.“ Dann krachte die Tür hinter ihm wieder zu.

Sam blickte ihm nach, als hätte er seine Gedanken gelesen sprach nun Chen: „Sieh‘ zu das du deinen Verdächtigen vom Spielfeld holst – bevor er euch zum Verhängnis wird.“

Sam wandte sich dem Nosferatu wieder zu. Beiden war es gerade egal das Anne noch immer dabeistand. Sam nickte: „Für diesen Moment ist es das beste für den Clan. Wenn wir das geklärt haben kommt er wieder raus aus dem Loch. Und es wird sich klären, die Wahrheit ist auf unserer Seite.“ Die letzten Worte waren an die Tremere gewendet. Dann ging auch Sam.

~*~
Absender: Der Narr
Betreff: dy1h4d
Nachrichtentext: Springer auf E6

Published inRollenspiel-Storys

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