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Setsunas Fall

„Ich bin eine Versagerin!“, hallte es immer und immer wieder durch den riesigen, runden Raum. Acht imposante Säulen standen im Kreis an der Wand, jede mit anderen Mustern und Symbolen verziert. Ein wenig blauer Nebel zierte den Boden des Raumes, aber das war in der Halle der Träume ein Normalzustand.

Eine der Säulen glimmte leicht rötlich und es schien als würde sie von kleinen Flämmchen umspielt. Ein paar Meter von eben dieser Säule entfernt hockte eine Frau zitternd vor Wut mit feuerrotem Haar und ebenso leuchtenden Augen. Sie schlug jedes Mal, wenn sie den Satz wiederholte mit der Faust auf den Boden, was ein kurzes Zucken der Flämmchen auf der Säule bewirkte:

„Ich bin eine Versagerin, verdammt wie konnte das passieren…“

Setsuna war den Tränen nahe, was wirklich eine Seltenheit bei einer Kreatur des Feuers sein mochte. Zornig strich sie sich eine der lockigen Strähnen aus dem Gesicht und schaute auf den riesigen Kelch, welcher in der Mitte des Raumes platziert war. Über der Öffnung schwebte eine Quecksilbrige Kugel, welche die Spiegelungen stetig veränderte.

Setsuna erhob sich, stellte sich vor den Kelch und blickte in die Kugel hinein. Mit einem deutlich frustrierten Gesichtsausdruck verfolgte sie die Bilder, welche ihr nun abermals ohne jegliche sinnige Reihenfolge und in einer Geschwindigkeit die jeden menschlichen Geist zum Wahnsinn getrieben hätte, gezeigt wurden…

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Alles wurde von Flammen der Vernichtung umgeben. Mord und Totschlag wäre eine maßlose Untertreibung gewesen. Das Feuer verzehrte Körper und Seelen. Unterkünfte brannten wie Stroh nieder und das Jesuskreuz an der Spitze des Kirchturms schmolz wie Wachs. Falls die Dörfler noch dazu kamen etwas auszusprechen bevor sie von den Flammen verschlungen wurden war nur die Sprache von Dämonen, vom Teufel und anderem Gezücht.

Vielleicht hatten sie Recht. Vielleicht war Nathaniel der Todesengel. Vielleicht waren seine gefiederten Flügel bloß eine Tarnung, die Versuchung. Die Versuchung der Menschen einem Engelsgleichen Wesen zu trauen.

Geerntet haben sie nur den Tod.

Vernichtung.

Leid und Qual.

Lächelnd schritt der scheinbar schöne junge Mann durch das Dorf und labte sich an den Schreien und Hilferufen der wenigen, die NOCH am Leben waren. Seine Augen sprühten vor Lebensfreude. Es ging ihm bestens, alles um ihn herum brannte und er war der Mittelpunkt des Geschehens. Seine Mächte hatten dazu geführt das hier bald nur noch ein Häufchen Asche über sein würde und das gefiel ihm offensichtlich.

Nathaniel streckte den Kopf gen Himmel und schloss die Augen. Er genoss den Duft von verbranntem Fleisch und Holz ein paar Sekunden bevor er anfing dämonisch zu lachen. Auch wenn er nie als Dämon durchgehen würde so war in ihm doch die Saat des Bösen reif geworden.

Nathaniel, Wiedergeburt der Setsuna. Gefallen und mächtiger denn je. Fürst des Feuers.

Der Herzensbrecher, die Leidenschaft, die jeden verzehrt.

Was sollte diesen Drachenritter noch aufhalten?

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Setsuna brach zusammen. Ausgestreckt auf dem Boden und eingehüllt in ihr lockiges Haar und einem Kleid aus Flammen lag sie da. Die Augen zuckten und der Schweiß perlte auf ihrer Stirn. Dieses Mal hatte es also sie erwischt…

Die rötliche Säule erlosch langsam und Fäden von Dunkelheit legten sich über die Flämmchen. In kurzer Zeit war die Säule vollkommen eingehüllt und die Stränge des Verderbens schlichen über den Boden direkt auf Setsuna zu.

Als die erste schwarze Schlinge sich um ihren Fußknöchel gewickelt hatte, riss Setsuna die Augen wieder auf. Schweißgebadet erkannte sie die Situation.

„NEIN! Lasst mich in Frieden!“, schrie sie und rappelte sich in Windeseile auf. Sie schmetterte der Dunkelheit eine tosende Feuerwelle entgegen und wich bis an den Kelch zurück. Ihr Angriff hatte aber nur zur Folge, dass die Stränge sich nun schneller auf sie zu bewegten. Setsuna schaute sich hektisch um. Es gab kein Entkommen. Ihr einziger Weg nach „draußen“, die Feuersäule, war ihr versperrt…

So wollte sie wenigstens so lange wie möglich Widerstand leisten. So leicht war sie nicht zu haben. Setsuna sollte fallen? Da mussten sich die Mächte der Dunkelheit aber schon anstrengen!

Aus Setsunas Rücken entsprangen rötliche Flügel des Lichts. Die gewaltigen Schwingen hüllten beinahe die gesamte Halle in ein oranges Glimmen. Es sah fast so aus als würden die Flügel nur aus Licht und Magie bestehen und die Wellenartige Bewegung der Flügelspitzen unterstrich das noch.

Setsuna breitete die Schwingen aus und erhob sich in die Luft. Sie stand nun vollkommen in knisternden Flammen und hoffte das sie irgendetwas gegen diese Finsternis ausrichten konnte.

Aber ihre Chancen sahen sichtlich schlecht aus. Nathaniel hatte sich ganz ihrer Kontrolle entzogen und fand gefallen an der Vernichtungskraft seines Elements. Das Tor zu ihm war ihr nun auch verschlossen und sie konnte nicht ewig in der Welt der Träume bleiben. Setsuna war zu lebendig als das sie sich in der Geisterwelt lange aufhalten könnte. Der einzige Feuerschein der noch hier existierte ging von ihr selbst aus. Die Urkraft des Feuers, Setsuna selbst wurde angegriffen. Angegriffen ohne Chance auf Flucht.

Niemals war es ihr in den Sinn gekommen vor etwas zu fliehen. Niemals sollte sie fallen. Niemals wurde sie so schmerzhaft betrogen…

Feuer. Leidenschaft. Liebe.

Seit sie denken konnte gehörten ihre Gefühle Sahja. Der Avatar der Avatare. Setsunas pures Glück.

Und dann das.

Als sie wieder darüber nachdachte schrie sie erneut ihre Wut aus. Ihre Verzweiflung. Es hatte so wehgetan. Es hatte so wehgetan wie sie Sahja und Seriena sah. Der Schmerz der Eifersucht. Der Schmerz eines Vertrauensbruchs. Die Halle erbebte leicht bei diesem Aufschrei des Frustes. Seriena und Setsuna waren wie Tag und Nacht. Feuer und Wasser.

Niemals mehr würde er sie lieben. Niemals würde sie Seriena verzeihen können. Niemals…

Setsuna sank wieder zum Boden. Sie hüllte sich in ihre rötlichen Schwingen und blickte auf die Fäden der Dunkelheit. Vielleicht brachte ihr die Dunkelheit eine neue Chance…

Kurz bevor sie sich willenlos den Schlingen ergab und diese vollkommen Besitz von ihr ergriffen wisperte Setsuna noch die Worte: „Ich liebe dich, Sahja. Nur du darfst mich vernichten.“

Danach nur noch der Aufschrei der Seele des Feuers, als sie zu den Toren der Vernichtung fiel…

Published inRollenspiel-Storys

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