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Silence

Sarkra stand im Türrahmen zu der Abstellkammer in die Muna ihn hatte drängen wollen, die Hände immer noch am Holz, obwohl er bereits gehört hatte, dass sie nicht mehr hinter ihm stand. Ihm war danach zu atmen, also versuchte er, seine Lunge zu bewegen und alles was dazu gehörte, doch der Schmerz ließ ihn bereits am Versuch scheitern.

In seinem Kopf raste es und seine Sicht verschwamm immer wieder.

Raziel.. Niklas… Muna… überall Ablehnung. Seine Familie. Tot.

Eine Träne rann über seine Wange und mischte sich mit dem Blut das dort sehr langsam unter der verbrannten Haut hervor kam.

Wie lange war es nun her? Drei Jahre… im Sommer wären es drei Jahre.

Sarkra ging noch einen Schritt und zog die Tür hinter sich zu, dann sank er an der Wand herab auf eine Plastikkiste und vergrub das Gesicht in seinen Händen. Drei Jahre…
Die Sonne ging auf und seine Gedanken fingen an ein Eigenleben zu entwickeln…

Sommer 1996, was für ein Jahr. Mit Traitor ging es jetzt so richtig bergauf, sie hatten alle ihre beschissenen Nebenjobs geschmissen und widmeten sich nun vollzeitlich dem wilden Rockstar Leben. Alles was man darüber hörte war wahr, wenn man die richtigen Leute kannte.
Die erste Scheibe war eingeschlagen wie eine 45er und die Menge liebte sie. Jeder Gig, jede Stadt, wo immer sie waren war alles eine riesige Party. Sie hatten alles was sie brauchten. Alkohol, Frauen, Drogen und Musik. Fünf Typen die auf eine mehr als miese Vergangenheit zurückschauten und nur auskosten wollten was ihnen ihr Talent verschafft hatte.
Kein Tag ohne Exzesse. Wer am nächsten Morgen nicht in seiner Kotze aufwachte hatte eindeutig nicht richtig gefeiert. Wer behauptete jemanden „ganz Spezielles“ gefunden zu haben wurde von den anderen nur belächelt und auf den nächsten Abend verwiesen. Und wer in den Backstagebereich kam und die erste Line ablehnte konnte gleich wieder gehen.
Markus und Niklas waren im Begriff Vorbilder für eine verdorbene Generation zu werden. Während sie beide sich nichts nahmen was das Feiern anging, hatte Markus eine ausgeprägte Sucht nach Kokain mit geringen Mengen an Schießpulver entwickelt und es grenzte an ein Wunder, dass Niklas seinen Bass auf der Bühne noch nicht versucht hatte mit den Füßen zu spielen bei den Mengen an Alkohol die er in sich hinein schüttete.
Aber dann war da Mia.
Beide Männer hatten die junge Frau in Braunschweig in der ersten Reihe entdeckt und lieferten sich auf der Bühne ein Duell darum, wer sich am besten in Pose werfen konnte um sie zu beeindrucken. Während der Zugabe rempelte Niklas Markus vom Verstärker, auf dem dieser gerade gestanden hatte. Die beiden prügelten sich bis Niklas´ Nase und zwei von Markus´ Fingern gebrochen waren.
Zwanzig Minuten später zog er auf dem versifften Bad im Backstagebereich eine Line von ihren Brüsten.
Und so kam Mia zur Band.
Ab und zu schoss Niklas zwar noch zornige Blicke in Markus Richtung, doch die Prügelei hatte mehr oder weniger entschieden wer der Sieger war und dem Sieger gebührte eine Trophäe. Es fiel kaum auf, dass Mia dabei war, da sich die Band sowieso hauptsächlich von Alk und Synthetik ernährte und sowieso immer irgendwo Frauen zugegen waren.

Sie liebte das Leben auf Tour, liebte es mit der Band zu feiern, verstand sich mit allen gut und sagte zu nichts nein. Und sie liebte Markus.
Er gab sein Möglichstes um diese Liebe zu erwidern, widmete ihr Songs und schlief nur noch zusammen mit ihr mit anderen Frauen. Sie gab ihm Rückhalt, bestärkte ihn in seinem Bestreben und vor allem ließ sie ihn spüren, dass er etwas geschafft hatte auf das er stolz sein durfte.

Aber der Stern unter dem diese Liebe entsprungen war, war schwarz und blutrot. Der ständige Drogenkonsum machte sich intensiver als früher bei Markus bemerkbar und er stand keine Show mehr durch ohne vorher die weißen und schwarzen Kristalle zu inhalieren. Er aß immer weniger und magerte so weit ab, dass er von einigen nur noch mit dem Spitznamen „Skeletor“ angesprochen wurde.
Mia, die anfangs noch ausschließlich Hasch geraucht hatte, war über die Band und deren Dealer an Pilze gekommen und hatte im Grunde ständig welche dabei, die sie verputzte als wären es Gummibärchen.
Manchmal lagen sie nach der Show zusammen im Bus oder irgendwo außerhalb der Location und halluzinierten zusammen. Es waren fantasievolle Traumgebilde die sich in ihren Köpfen entsponnen und sie wollten nicht mehr aus dieser Welt fliehen, die sie sich gegenseitig geschaffen hatten.

Der Rest der Band betrachtete das Geschehen nicht mehr mit Optimismus, sondern schon längst mit Vorsicht und Besorgtheit. Markus war zwar immer noch so gut auf der Bühne wie früher, doch es war nur noch eine Frage der Zeit bis sich das auch ändern würde. Und seine Gesundheit machte ihnen ebenfalls Sorgen. Dadurch, dass seine körperliche Konstitution so abgenommen hatte, war er kränklich geworden, blasser noch als früher und die Rippen zeichneten sich deutlich unter der dünnen Haut ab. Manche meinten, dass er sie an die Elendsviertel in Afrika erinnerte und so zwang Niklas ihn, auf der Bühne nur noch Tshirts zu tragen, um die Fans seinen Zustand nicht so stark mitbekommen zu lassen.

Mitte August, er hatte schon längst jedes Zeitgefühl verloren, waren sie in München und die Tour näherte sich ihrem erstmaligen Ende. Die Show war gut gelaufen und nun lagen sie in der Nähe der Location auf einem Stück Rasen und schauten in den aufgehenden Sternenhimmel. Markus zog mit einem Finger Linien zwischen den Himmelslichtern, so, dass sie komische Figuren ergaben, die davon gallopierten wenn er sie fertig gestellt hatte.
Sie diskutierten gerade über die Ausrichtung der nächsten Scheibe, wer welche Ideen hatte, die er einbringen wollte, da merkte er, dass Mia fehlte. Sie war sonst immer nach den Shows bei ihnen und sowieso immer an seiner Seite. Schwindelnd schwang er sich auf und lief durch die Gegend, immer wieder ihren Namen rufend.
Aus ihrem Bus hörte er ihre Stimme, außergewöhnlich hoch und schrill. Ein flaues Gefühl machte sich in Markus´  Magen breit und er lief auf den Klang zu, stieß die Tür auf und da war sie, über den kleinen Tisch gebeugt, mit einer Pistole in ihrer Hand. Seiner Pistole.

„Ich ich hab ihnen gesagt, ich wollte dich überraschen, bin extra hiergeblieben um es für dich zu mischen“, stammelte sie, ihre Augen weit aufgerissen und mit der freien Hand auf das weiße Pulver deutend dass sie vor sich auf dem Tisch liegen hatte.

„Aber… dann waren sie da und sie sie lassen mich nicht… sagen, ich darf die Patrone nicht aus dem Magazin nehmen…“, sie deutete auf die Luft, auf etwas oder jemanden den nur sie sah. Dann setzte sie ein verzweifeltes Grinsen auf. Markus war erstarrt vor Horror in der Tür stehen geblieben und wusste nicht was er tun sollte, die Situation überforderte seinen mit Drogen vollgepumpten Verstand.

„Ich weiß wie ich an die Kugel komme, für meinen Geliebten-“

Es ging so schnell, dass er nicht reagieren konnte. Die Kugel durchbohrte seine Schulter und trat auf der anderen Seite wieder aus als sie den Abzug durchgezogen hatte. Er konnte nicht mal einen Ton von sich geben als er auf den Asphalt fiel. Dadurch hörte er ihren erschrockenen Aufschrei, hörte wie sie hysterisch anfing zu schluchzen und dann einen weiteren Schuss. Stille.

Published inRollenspiel-Storys

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