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Von Schurken und Lausbuben

„Mein Name ist Andromos. Andromos Kasah.“
Fragende Blicke musterten den jungen Mann. Das gedämpfte Licht der Taverne brachte eine ruhige Atmosphäre mit sich und der leichte Pfeifendunst vernebelte den Blick auf den einen oder anderen Mithörer.

„Ein seltsamer Name für jemanden, der vorgibt aus Bree zu stammen“ drang die rauchige Stimme vom Tisch hinter Andromos an sein Ohr.

Sein Gesicht im Schatten der Kapuze liegend, wendete er sich um und sah unter dem Zaum der Kapuze auf. Der ältere, bärtige Mann sah ihm mit ausdrucksloser Mine entgegen.

„Das sagt ihr“, antwortete Andromos und grinste dabei. „Denn einst war ich ein Mehlmann, wie mein Vater genannt wurde. Ein Sohn eines Bäckers. Jeden Morgen standen meine Eltern früh auf, um für zwei Viertel der Stadt Bree das Brot zu backen. Die Geschäfte liefen stets gut. Meine Eltern hatten den ganzen Tag genügend zu tun und ich suchte mir steht’s selbst meine Beschäftigung.

Wer nun meint behaupten zu müssen, ich hätte ja meinen Eltern helfen können: Sicher hätte ich das tun können, als junger Bursche hatte ich andere Dinge im Kopf…“

„Faulenzen am Stadelweiher, was auch sonst“! Rief eine rauchige Frauenstimme.
Andromos grinste nur darüber und erinnerte sich, dass er noch einen Pfeifenkopf voll Kraut nehmen, und sich dann zur Ruhe legen wollte.

„Mitnichten!“ Warf er ruhig ein und begann Pfeife und Tabak auszupacken.
„Ich bin stets bemüht gewesen, meinen Eltern tatkräftig zur Hand zu gehen. Auch wenn dies nicht bedeuten sollte, dass ich in der Backstube mithalf. Es gab viele Tage, an denen ich Brot in Bree verteilte, unser Hof mit der Bäckerei lag am Rand von Schlucht, was es oft schwer für meine Eltern machte, ihrer Tätigkeit als Bäcker nachzugehen und ihre Waren stets frisch unters Volk zu bringen. Ich mochte meine Eltern, denn sie waren gutherzige Menschen. Soviel Arbeit für so viele Menschen, die sich ihr Brot hätten selbst backen können.
Und so half ich ihnen, indem ich schon früh gebackene Brote nahm und sie in Bree weitergab. Die Menschen freuten sich sehr!“

Gemütlich nahm der Herumtreiber den ersten Zug aus der Pfeife und lächelte ob seiner Erinnerungen.
„Es war ein schönes Gefühl gewesen, zu wissen, dass ich allen –sowohl meinen Eltern als auch den Menschen in Bree- Freude bereitete.
Manche lachten mich an, erzählten sich vom „dummtreuen Jungen“ und meine Eltern? Tja, die warteten jeden Abend mit dem Essen auf mich. Und es gab stets gutes Essen. Fleisch vom Hirsch und nur die besten Kartoffeln zierten meinen Teller. Meine Mama hat dann immer gesagt, wenn ich so weiter machen würde, müssten wir bald auch unser Essen selber jagen gehen. Darauf freute ich mich immer sehr. Zwar wusste ich nicht, warum mein Vater immer stiller wurde und jedes Brot an für mich unerreichbare Plätze unterstellte, aber auch dies war nie eine große Herausforderung für mich!“

Die Gesichter um Andromos herum zeigten ein Grinsen des Verständnisses. Manche hoben auch einfach nur skeptisch die brauen. Aber wahrscheinlich taten sie dies, so dachte Andromos, da sie seinen Vater nicht verstehen konnten.

„Und wie kamt Ihr nun zu Eurem eher ungewöhnlichen Namen?“ wollte eine Schankmaid wissen, die sich, angeregt durch die für sie recht lustige Geschichte, an den Tisch gesellt hatte und mittlerweile alle anderen Bestellungen vergaß.
„Mein Name?“ erwachte Andromos aus seinem Tagtraum gerissen.
„Dazu werde ich noch kommen. Wie sagte meine Mama immer: Ungeduld schafft Wartezeit.
Ja meine Mama. Sie war eine gute Frau…“

„War?“ fragte die Schankmaid dazwischen. „Ist sie etwa…“ sie stockte und ihr Lächeln wich einem betrübten Gesichtsausdruck, „… tot?“

Sie schluckte und sah Andromos beinahe um Verzeihung betend an, wie konnte sie nur eine so direkte Frage stellen.

Andromos aber lächelte nur und schüttelte den Kopf.
„Nein… das heißt, ich weiß es nicht…“

Die Schankmaid seufzte unüberhörbar vor Erleichterung, sah Andromos dann aber fragend an. Auch der alte Weidenstecher, welcher links von Andromos saß, rührte sich nun.
Bisher hatte er nur starr seinen Bierkrug angesehen und wirkte eher, als würde er der Geschichte des Vermummten nicht beiwohnen, aber dies schien doch nicht der Fall gewesen zu sein.

„Ihr wisst nicht, ob Eure Mutter noch am Leben ist? Seid ihr dumm?“
Mit einem lauten Röcheln verschluckte sich Andromos an dem Pfeifenqualm und begann lautstark zu husten. Beinahe wäre ihm die Kapuze vom Kopf geflogen, wenn er sie nicht noch rechtzeitig festgehalten hätte. Dafür hüpfte der glühende Tabak aus der Pfeife, als Andromos mit der Hand wedelte um den Druck des Hustens auszugleichen und landete im Bierkrug seines Gegenübers.

Der sah finster auf. Zumindest dachte Andromos in dem Moment, in dem sein Hustenanfall wie weggeblasen schien da er selbst überrascht über diesen Treffer war, dass der bärtige Mann ihn ansah. Unter den buschigen Augenbrauen war dies schlecht auszumachen.
Für wenige Sekunden herrschte Stille an dem Tisch. Alle sahen gebannt Andromos und sein Gegenüber an.

„Ein neues Bier. Auf kosten des dummen Herrn.“ Groll die tiefe Stimme des Bärtigen hervor.
Sofort sprang die Schankmaid auf um das Bier zu holen. Mit einem amüsierten Lächeln setzte sich Andromos wieder, nachdem der Husten ihn doch vom Stuhl hat springen lassen und begann seine Pfeife von neuem zu stopfen.

„Nun, dumm ist der, der Dummes tut! So pflegte meine Mama immer zu sagen. Nach all dem Lob der Stadtbewohner wusste ich, dass ich nie Dummes getan hatte.“
Ein paar resignierende Seufzer erklangen und der Wunsch nach mehr Bier wurde geäußert.
Ja Andromos hatte sie alle in seinen Bann gezogen, dass wusste er. Der ein oder andere hier am Tisch ist von seinem Brot sicherlich damals satt geworden. Ob sie ihn dafür liebten oder nicht, das war eine Sache für sich.

Das Bier wurde geliefert und nachdem Andromos sich seine zweite Pfeife angesteckt hatte, lehnte er sich in seinem Holzstuhl zurück, genoss einen großen Schluck Bier und seufzte dann.
„Ja es ist wahr. Ich kann nicht sagen, ob meine liebe Mama noch lebt. Zu lange ist es her, dass ich sie zuletzt gesehen habe.“
Er nahm einen weiteren, tiefen Schluck und bedachte den Holztisch mit einem nachdenklichen Blick.

„Es mag nun elf Sommer her sein. Es war das Jahr des heißen Frühlings. Im Monat April. Es war der Tag, an dem mein Vater und ich zum ersten Mal gemeinsam auf die Jagd gehen sollten.

Einen Tag vorher, es war ein besonders heißer Tag gewesen, hatte ich eine hervorragende Idee gehabt.

Da meine Eltern sehr unter der Hitze gelitten haben, da die Backstube zudem noch ihre eigene Wärme besaß, überlegte ich mir, wie ich ihnen helfen konnte.

Ich lief schon früh am Morgen umher, die Hitze hatte noch nicht ihren Höhepunkt erreicht gehabt, da traf ich auf ein paar Bauern, die auf ihren Feldern arbeiteten. Zunächst nichts Ungewöhnliches. Doch etwas machte mich stutzig. Ich sah Felder und ich sah das Getreide und das Gemüse, welches darauf wartete von den Bauern umsorgt zu werden. Doch da war noch etwas.

Etwas ragte aus den Feldern heraus. Es waren keine Vogelscheuchen, nein, dafür war es zu einfach gestaltet. Auf Leinen, die zwischen hohen Steinsäulen angebracht waren, hangen viele weiße Tücher, die schwerfällig im Wind wehten.
Zuerst dachte ich, dass die Bauern ihre Wäsche auf den Feldern aufhängen würden, um diese dann nach getaner Arbeit direkt mit nach hause nehmen zu können. Aber welcher Bauer trug schon weiß? Das wurde doch viel zu schnell schmutzig auf den Feldern. Die Bauersfrauen hätten da mit Sicherheit etwas dagegen gehabt. Ich ging also näher an das Feld heran und wartete, bis mich einer der Feldarbeiter bemerken sollte. Es dauerte nicht lange, bis einer auf mich zukam und mich fragte, was ich denn dort so herumstehen würde. Ob ich denn nichts Besseres zu tun hätte, als anderen bei der Arbeit zuzusehen. Er schien sehr erregt gewesen zu sein. Ich konnte mir erst nicht erklären warum, aber die Tatsache, dass dem Mann der Schweiß in vielen kleinen Perlen über den Augen stand, ließ mich zu dem Entschluss kommen, dass es ihm in den Augen brannte und er deshalb nicht besonders glücklich war…“
Am Tisch verschluckte sich jemand an seinem Bier. Unter lautem Gelächter versuchte der Mann sich wieder zu beruhigen. Noch immer nicht in der Lage deutlich zu sprechen, deutete er Andromos an seine Geschichte weiter zu führen- obwohl er sich nicht sicher war, ob der Ausdruck “ die Geschichte weiter zu spinnen“ eher gepasst hätte.
Mit einem Schulterzucken akzeptierte Andromos dies, nahm selbst einen weiteren Schluck Bier und fuhr fort.

„Nachdem der vom Schweiß geplagte Mann mein Taschentuch, welches ich ihm anbot, abgelehnt hatte, schilderte ich ihm meine Frage. Mit einem kurzen Kopfnicken wand er sich zu dem seltsamen Gebilde um und begann mir zu erklären, dass diese Tücher die dort hingen, regelmäßig mit Wasser getränkt wurden und der Wind das Wasser kühlend über die Felder trug.

Fasziniert von dieser Idee, bedankte ich mich bei dem Mann und lief schnurstracks los mit dem Ziel, etwas Ähnliches für meine Eltern zu tun.
Auf meinem Weg zurück zur Backstube meiner Eltern überlegte ich, wie ich dieses Gebilde nachstellen sollte. Mir fehlten die Materialien. Doch dieses Problem sollte sich von selbst lösen.

Ich traf –oder besser rannte- völlig in meine Gedanken versunken in eine Frau, welche wohl gerade auf dem Weg zum Fluss gewesen ist. Denn sie trug ihre Wäsche bei sich. Bei unserem Zusammentreffen ließ sie die Stoffbündel fallen. Eines direkt in meine Arme. Mit dem Hinweis, ich würde ihr die Kleidung zurückbringen, sprang ich auf und rannte weiter. Die Frau rief mir noch etwas nach aber ich verstand sie nicht mehr.
Zu hause angekommen, begann ich sofort mir der Arbeit. Meine Eltern waren nicht da. Schade eigentlich, ich hätte sie am liebsten sofort über meine Entdeckung unterrichtet. Aber sie waren wohl los zur Mühle, neues Mehl holen. Die ersten Brote befanden sich bereits in den Steinöfen. Ich sollte sie also überraschen.

Schnell suchte ich Leinen, die meine Mama selbst zum Aufhängen der Wäsche verwendete und suchte hinter dem Hof nach alten Ziegeln.
Alles beisammen, baute ich zwei Türme aus den Ziegeln, band die Leinen zwischen diese und hing die großen, weißen Laken von der Frau am Fluss, auf.
Mit unserem Brunnenwasser tränkte ich die Laken und öffnete die Fensterläden. Fertig.
Voller Vorfreude darauf, wie meine Eltern diese Überraschung aufnehmen sollten, nahm ich mir einen fertig gebackenen Brotlaib und beschloss mir die Zeit in Bree zu vertreiben.
Ich verteilte den Laib Brot wie gewohnt in vier Teilen und machte mich vor Sonnenuntergang auf den Weg nach Hause. Ich sah die Gesichter meiner Eltern schon vor mir, wie sie deutlich erholter und strahlend mir entgegensahen.

Als ich mich dem Hof näherte, wurde ich stutzig. Meine Eltern befanden sich nicht wie gewöhnlich für diese Tageszeit im Haus und hatten bereits mit dem Abendessen begonnen, sondern standen draußen. Je näher ich ihnen kam, umso deutlicher konnte ich erkennen, dass sie vor einem Berg Broten standen und sich erregt unterhielten.
Ich fragte mich, ob sie dass Essen an diesem Tag im Freien einnehmen wollten.
Als sie mich erblickt hatten, unterbrachen sie ihre Unterhaltung und sahen mir mit erwartungsvollen Blicken entgegen. Ich ging fröhlich gelaunt weiter, wahrscheinlich hatten sie sich darüber unterhalten, wie sie mir danken sollten.“

Der Bärtige gluckste kurz, machte aber keine weiteren Anstalten etwas zu sagen und nahm stattdessen einen großen Schluck Bier. Auch die Schankmaid hatte sich wieder an den Tisch gesetzt und sah Andromos mit erheiterter Mine an.

„Ich wunderte mich“, fuhr er fort, „als ihre Gesichter nicht so fröhlich wie jenes der netten Dame hier waren, sondern mein Vater finster und meine Mutter betrübt dreinschauten.
Ich fragte auch sogleich, was passiert sei, doch anstatt eine Antwort zu erhalten, deutete mein Vater mit einem Kopfnicken auf einen Berg Brotlaibe hinter sich. Das Brot sah nicht aus wie sonst, es wirkte nass und viele Laibe waren auseinander geflossen.

Meine Mutter nahm mich bei der Hand und führte mich ins Haus, wo eine dampfende Brotsuppe auf dem Tisch auf mich wartet. Dies sei alles, was sie aus dem feuchten teig hätte noch machen können. Nicht viele Brote waren zu retten gewesen und die Arbeit und der Lohn von zwei Tagen wurden von der hohen Luftfeuchtigkeit zerstört, erklärte sie mir leise und mit einem Schluchzen in der Stimme.

Ich verstand zunächst nicht, was passiert sei. Auf den Feldern hatten diese Türme doch auch geholfen, aber eine Antwort bekam ich nicht. Der Abend verging schweigend und erst als ich sah, wie mein Vater spät noch den Bogen bespannte und die Pfeile überprüfte, wagte ich ihn zu fragen, was er vor hätte. Er antwortete mir, dass wir früh auf die Jagd gehen würden und ich sollte mich schlafen legen, ich würde die Kraft brauchen.

Voller Vorfreude auf die Jagd, tat ich auch wie mir gesagt. Ich liebte die Jagd schon als kleiner Junge sehr. Es war jedes mal ein tolles Erlebnis, mit meinem Vater durch die Breewälder zu spazieren und auf sein leisen „Pscht“ zu warten. Dieses Geräusch gab er immer von sich, wenn er einen Hirsch oder ein Wildschwein erspäht hatte. Dann deutete er mir an mich gebückt zu halten und zu warten. Jedes mal schlug mein Herz wie wild gegen meine Brust und mit großem Stolz bedachte ich meinen Vater, wenn das erlegte Tier dann über seiner Schulter hing.

So auch an jenem Tag. Die Hitze machte auch den Tieren zu schaffen und so war es ein leichtes, einen geschwächten Eber zu erlegen. Dieser sollte für zwei Tage reichen, so meinte mein Vater. Doch wir brauchten Vorrat für eine Woche, bis die Backstube wieder intakt sein sollte. Und so verbrachten wir den ganzen Tag mit Jagen und dem Sammeln von Beeren und Kräutern.“

Bläulicher Qualm stieg unter der Kapuze empor, als Andromos nach einem genussvollen Zug den Rauch ausblies und sein Blick verträumt auf dem Tisch haftete. Das Gelächter und Gerufe in der Taverne war abgeklungen, und ein jeder, der nicht der haarsträubenden Geschichte des Fremden lauschte, hatte sich zu später Stunde bereits auf den Heimweg gemacht.

„Ja, dies war ein merkwürdiger Jagdabend. Gut gelaunt sammelte ich Holz für ein Feuer, wir waren weit gelaufen. Im Norden konnte ich den blassen Schein der Brandyberge ausmachen, während wir seit Stunden am Rand des alten Walds unterwegs gewesen waren. Mein Vater hatte diesen Wald stets gemieden, seltsame Dinge sollten zwischen den großen, alten Bäumen vor sich gehen, hatte er immer gesagt. Doch an jenem Tag erhoffte er sich gerade dort, die beste Beute. Das wir aber an den Ausläufern des Waldes, nicht weit entfernt von den Hügelgräbern rasteten, erschien mir zwar seltsam, aber nicht minder Aufregend. Diese Nacht sollte ein Abenteuer werden. Wenn, ja wenn mich die Müdigkeit nicht allzu schnell in den Schlaf gerissen hätte. Noch bevor wir ein spärliches Abendmahl eingenommen hatten und mein Vater seltsamerweise die Beute nicht aufgehangen, sondern griffbereit im großen Leinensack verstaut ließ, hatte ich ihm von meinen Erwartungen auf diese Nacht erzählt und er hatte nur still genickt. Wahrscheinlich hatte er es auf ein nächtliches Abenteuer zusammen mit seinem Sohn abgesehen. Doch ich schlief und träumte nur davon.

Ich träumte von Pfeilen die mir um die Ohren schossen und wilden Tieren, welche mein Vater mit Leichtigkeit erlegte und mit mir zusammen, fröhlich singend, den Triumph über den Schrecken der Wälder feierte. Leider wurde ich jäh von einem lauten Knacken aus diesem schönen Traum gerissen. Ein Bär, der sich an den Überresten meines gelungenen Feuerplatzes zu schaffen machte, hatte mich aus dem Schlaf gerissen. Verwundert darüber, dass dieser sich so nah an uns heran gewagt hatte und darüber, dass mein Vater ihn noch nicht verscheucht hatte, ließ mich umschauen. Er war nicht da. Wahrscheinlich wollte er sich frisch machen, oder schon mal etwas zum Frühstück besorgen. Doch weder der Sack mit der Beute noch mein Vater waren auszumachen. Und vor mir dieser Bär.

Meine Wolldecke langsam von mir ziehend und nach meinen Stiefeln tastend, beobachtete ich den Bär. Dieser schien sich aber nur um die Asche zu kümmern, die ihm jedes mal ein Niesen abverlangte, worauf er laut aufbrüllte und nochmals mit den Pranken mehr davon aufwirbelte.

Die Sonne stieg gerade über die Hügel, als auch der Wald zum Leben erwachte und grausig klingende Laute zwischen den Ästen zu hören waren. Auch der Bär schien von ihnen nicht besonders erfreut zu sein und ließ die Asche abrupt liegen um weiter zu trotten.

Wahrscheinlich wartete er auf der Straße, von Bree in Richtung Bockland auf mich, redete ich mir ein, zog mich in Windeseile an um schnell den Lagerplatz zu verlassen. Doch auch die Straße war leer. Nirgends eine Menschenseele war zu sehen und noch nie zuvor, hatte ich mir das gut duftende Brot meiner Eltern so sehr her gewünscht, wie jetzt. Denn auch in Bree, zu früher Stunde‘, wenn noch niemand auf den Straßen unterwegs war, lockte der Duft des frischen Brots stets hungrige in Morgenmänteln aus den Häusern. Bestimmt wären auch dieses mal Menschen erschienen, die mir geholfen hätten. Aber ich hatte kein Brot…“

„Aber wohl genug Dusel heim zu finden, schade, sonst müsste ich mir diesen Quatsch nun nicht anhören!“ Erklang es vom Nachbartisch und Andromos konnte jemanden aufstehen und mit schnellen Schritten das Gasthaus verlassen hören. Gefühllose Menschen gab es, dachte er sich. Doch mit einem Grinsen fuhr er fort.

„Nach vielen Stunden der Suche und des Umherirrens, konnte ich die hohen Zinnen der Breemauern dann doch ausmachen. Voller Erleichterung, wurden meine Schritte schneller. Nach Bree folgte Schragen und dort kam ich an der Bäckerei meiner Eltern an. Ich wunderte mich, dass kein Rauch aus dem Schornstein stieg, sollte meiner Mutter doch schon längst begonnen haben, neue Brote zu backen. Auch sonst erschien der Hof recht leer. Ich betrat das Haus ohne jemanden vorzufinden. Verwundert, warum meine Eltern nicht daheim gewesen sind, suchte ich den Hof ab, doch ich fand niemanden. wahrscheinlich suchten sie nach mir. Mein Vater war wohl doch nur kurz etwas Essbares besorgen und als er zurück kehrte, war ich nicht mehr da. So musste es gewesen sein. Also wartete ich, irgendwann sollten sie ja auf den Gedanken kommen, dass ich den Weg nach Hause selbst gefunden hatte. Stolz würden sie sein, ihr Junge war schon selbstständig!“

Noch mehr Bier wurde bestellt und auch Andromos ließ es sich nicht nehmen, nachzubestellen und viel des guten Gerstensafts zu trinken, bevor er weiter erzählte.

„Doch, sie kamen nicht. Einen Tag und eine Nacht hatte ich vor der Tür der Bäckerei verbracht, bis schließlich die alte Frau, von der anderen Seite des Bachs sich mir näherte.
Armer Junge, kam sie auf mich zu, der Bäcker und seine Frau haben ihre Karren gepackt und sind gen Norden gezogen. Sie haben niemanden gesagt, wohin sie wollen geschweige denn, warum sie gehen. Einfach gegangen. Sie hatten was von ihrem verlorenen Sohn gesagt, doch dieser sitzt nun hier.

Ich traute meinen Ohren nicht und dieser verwirrten Frau schon gar nicht. Ich sprang auf, erzürnt schrie ich sie an, sie solle nicht solche Lügen über meine Eltern erzählen und rannte weg.
Und doch, sie sollte recht behalten, denn wiedergesehen, habe ich meine Eltern bis heute nicht…“

Seine Stimme senkte sich, Stille lag über der Runde am Tisch. Die Schankmaid sah den Fremden Mann mit traurigen Augen an.

„Welch schreckliches Schicksal“ schluchzte sie. Die meisten anderen am Tisch waren nicht derart berührt. „Euer Name, Andromos, kommt auf den Punkt“.
Der Bärtige sah Andromos durchdringend an. Andromos erwiderte den Blick durch die Schatten und nahm noch einen Schluck Bier.

„Mein Name stammt von einem Ork“ die Augen der meisten Anwesenden weiteten sich.
„Von einem Ork? Wollt Ihr uns als nächstes erzählen, ihr seid von einer Orkhorde großgezogen worden? Nun ja, passen würde dies, in eure absurde Welt“ rief jemand vom linken Tischende herüber.

„Nein,“ antwortet Andromos gelassen, „was sollte ich tun. Ich war allein und ohne das Brot meiner Eltern wollten die Marktleute in Bree nicht mehr viel mit mir zu tun haben. Dabei hatte ich immer gedacht, die Leute mögen mich. Ich war stets höflich gewesen. Doch nein, die Einsicht kam spät, als der Hunger drohte mir den Bauch zu zerfressen. Ich beobachtete zwei Jungs dabei, wie sie heimlich durch das Hinterfenster des Metzger einstiegen und sich am Fleisch bedienten. Zuerst fand ich es abstoßend, meine Mutter hatte mir immer gelehrt, dass man andere nicht bestiehlt. Jeder erhält das, was er zum Leben bräuchte. Und meine Mutter irrte sich nie. Doch die beiden Jungs zu beobachten, wie sie das Fleisch genussvoll verspeisten, trieb mich beinahe in den Wahnsinn. Mit einem Stock schwang ich das Fenster auf, wie die anderen beiden Halunken es getan hatten und stieg in die Metzgerei ein. Was ich vergessen hatte war, nachzusehen, ob der Vorratsraum auch sicher ist. Denn der Metzger beobachtete mich leise, wie ich mich an seinem Fleisch bediente. Erst als ich wieder gehen wollte, da räusperte er sich. Starr vor Angst, beobachtete ich das große Fleischermesser in seiner Hand. Mit einem Pfeifen landete es auch im Regal neben mir.

Ich sei doch von einem Warg gebissen worden, schrie er aufgebracht, seine Brauen kräuselten sich dabei. Er rannte auf mich los, die Hände bereit, mich zu würgen. Noch bevor sie mich erreichten, schnitt das Messer sich tief in diese und ich rannte an dem Metzger vorbei. Laut aufschreiend hielt er sich seine Hand und wollte mir hinterher, doch als er sah, dass ich ihm sein teures Fleisch in den Weg warf, blieb er stehen um jedes Stück aufzusammeln. So konnte ich entkommen. Ich wurde satt und für Ausflüge in die Wälder war ich nun bewaffnet gewesen.“

„Euer Name…“ pochte es ungeduldig von Andromos Seite. Er wusste, dass er nicht mehr viel Zeit hatte und die späte Stunde nun seiner Geschichte ein Ende brachte, sollte er noch heil herauskommen.

„Wie Ihr wisst, streiften schon damals bereits einige Orks durch die Wälder. Auf der Suche nach Nahrung und Ausrüstung -die Leute in Bree verbarrikadierten bereits ihre Häuser aufgrund einer Vielzahl von Einbrüchen damals- musste ich die Wälder ausweichen. Immer wieder fragte ich mich, wohin es meine Eltern verschlagen hatte, warum sie gingen und vor allem, ob ich sie wiedersehen sollte. Doch bis dahin, brauchte ich einen Namen, der meine Untaten nicht mit ihnen in Verbindung bringen sollte. Das Orklager, auf welches ich plötzlich stieß, gab ihn mir. Denn einer der Orks, gab einen röchelnden Laut von sich, als es ihm misslang mir die Kiste aus der Hand zu reißen und er stattdessen in den Speer eines Kameraden fiel. ‚Kasah‘.“ (Anmerkung des Autors: Nein, Kasah ist kein orkisches Wort. Es ist wirklich nur ein Gurgellaut ;) )

Andromos zog dieses Wort sehr lang, bis er schließlich verstummte.
Die Stille legte sich schwer über die Tavernengäste. Dann klatschte einer. Jener Bärtige, welcher ihm nicht wohlgesonnen galt, klatschte mit großem Eifer. Ob aus Angst oder Respekt fingen nach und nach immer mehr Zuhörer an zu klatschen.

„Dummer Junge“, erklang es dann rauchig, vom anderen Tisch. „Habe ich dich gefunden!“
Der Metzger erhob sich hinter Andromos, die narbige Hand bereits auf seiner Schulter liegend. Andromos spannte sich an, hoffentlich wirkte das Bier.

„Halt!“ rief ein Jüngerer Mann ebenfalls vom Nachbartisch. „Dies ist auch jener dumme Mann, der die Hühner meiner Großmutter stahl. Sich hier Preis zu geben, wird nun sein Ende sein!“ Fauchte er und wollte den Metzger von Andromos wegdrücken um der erste zu sein, der Vergeltung übt.

„Nicht so schnell, erst muss mir dieser Halunke die Ziegel bezahlen, die er von meinem Mann stahl. Auf einmal war unser Grundstück nicht mehr vor wilden Tieren sicher!“ Rief eine Frau von Andromos Tisch. Die Schankmaid stand auf und entfernte sich in weiser Voraussicht vom Tisch. Andromos nahm den letzten Schluck Bier und packte seine Pfeife weg. Dann begann ein Geschubse und Gerufe. Jeder wollte Andromos zuerst zur Rechenschafft ziehen. Sie prügelten sich darum, wer dem Schurken zuerst ein blaues Auge verpassen durfte.
In diesem Tumult zog Andromos sich die Kapuze tiefer ins Gesicht. Der Metzger wurde bereits von einem breiten, sehr dicken Mann mit Halbglatze weggeschubst, der Andromos für das fehlen vieler Torten verantwortlich machte.

Gebückt kroch der Schurke unter dem Tisch entlang, die Streitenden beachteten ihn gar nicht, Jeder war damit beschäftigt, seinen Verlust als den Höchsten anzupreisen.
Die Tür schlug hinter Andromos zu. Kalter Wind kroch unter seine Kapuze und die kühle Luft tat seiner Lunge gut.

„Tölpel“, dachte er sich und wollte sich gerade von der Taverne entfernen, als ihn jemand am Mantel festhielt.
„Ich hätte es mir denken können. Andromos, schleicht nachts hier herum und hat nichts besseres zu tun, als wahnwitzige Geschichten gegen kostenloses Bier einzutauschen.“
Andromos grinste, diese Stimme kannte er. Er drehte sich um und sah in die blauen Augen der jungen Hauptfrau. „Druswyn!“ Sein Gruß klang übertrieben erfreut. „Wie schön dich hier zu sehen!“

Die rothaarige Frau warf ihm einen skeptischen Blick zu. „Tu doch nicht so, hast du es mal wieder geschafft!“ Sie deutete auf die Taverne durch deren Fenster das Gebrülle der Streitenden drang.
„Geschafft? Nun ja, du weißt doch, man nimmt was man bekommt. Außerdem habe ich den Leuten nur von meinem Leben erzählt.. halt ein bisschen… ausgeschmückt“ er grinste noch breiter, „aber was tust du zu später Stunde noch hier draußen auf den Straßen dieser großen Stadt?“

Die Hauptfrau strich sich eine Strähne aus den Augen, „Ich halte sie frei vor Schurken wie dir, mein Lieber.“ Andromos wich ein paar Schritte zurück.
„Und diese Aufgabe erfüllst du mit Bravur. Denn ich werde nun diesen schönen Abend genießen gehen und mich davon erholen, dort drinnen beinahe ermordet worden zu sein. Willst du mir dies etwas zum Vorwurf machen?“ Andromos zwinkerte der Hauptfrau zu und drehte sich um. „Wir sehen uns bestimmt wieder“ kommentierte er ihr Schweigen und ging davon.

Wieder konnte sie ihm nur kopfschüttelnd hinterher sehen. Er wird es eines Tages noch lernen, dachte sie sich und machte sich auf, in der Taverne für Ordnung zu sorgen.

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