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Tag 372 a.S. (2 Tage vor Bild 666) [8.11.2015]

Stimmung

Leise öffnete sich die Tür zum Nebenzimmer. Matt betrachtete die Matratze, welche ihn so kalt und leer aus der Mitte des Raumes anblickte. Überhaupt war der Raum kahl und unfreundlich. Mit drei Schritten stand er im Raum und ließ den Blick über die Wände schweifen. Es war alles noch so unpersönlich hier.

Er atmete tief ein und schloss die Augen für diesen Moment. Aber es passierte nichts. Matt schüttelte den Kopf und zog sein Handy aus der Hosentasche, suchte ein wenig herum, bis schließlich der Song lief, den er gesucht hatte. Zugegeben, es klang nicht besonders gut durch den Lautsprecher des Handys, aber das machte den Flair erst richtig her. Es war immerhin ihr Lied und das hatten sie vor ziemlich genau 500 Tagen auch nur aus einem Handylautsprecher gehört. Jubiläum. Matt legte das Handy auf die Matratze.

Komm, das wird Spaß machen. hatte sie gesagt und ihn angelächelt. Mit diesem feinen Lächeln, welches nur für ihn bestimmt war. Ihre zarten, kühlen Hände schlossen sich um seine Handgelenke und zogen ihn aus dem Bett. Der Teppichboden war dreckig aufgeraut, sein linker Fuß war angeschwollen von der letzten Nacht, als sie durch Vorgärten gelaufen waren, um dem Schäferhund des Monsters zu entkommen. Nachdem er Sarah geholfen hatte, über den Zaun zu gelangen, war er nicht schnell genug gewesen. Der Hund hatte ihn gerade noch am Fuß erwischen können. Glücklicherweise war dieser nicht darauf trainiert Menschen zu verletzen.

Doch das war vergessen, als er sie tanzen sah. Wie ihre Hüften sich bewegten, ihr Kopf im Tackt mitnickte und sie ihre Arme nach oben streckte. Sarahs Gesicht öffnete sich völlig, er hatte bereits vergessen gehabt, wie es aussah, wenn sie glücklich war. Also so richtig echt, ohne Drogen. Ohne das sie ihm vormachte, glücklich zu sein. Sie war es einfach und jede Zelle ihres Körpers zeigte es. Matt war für einen Moment von ihr gebannt, wie eine Schlange vom Klang der Beschwörerflöte.

Komm. Komm, mach mit.

Matt setzte sich auf die leere Matratze und raufte sich die Haare. Er nahm wieder das Handy und durchstöberte die Fotos, die er gemacht hatte. Keines davon zeigte Personen, es waren nur Orte. Allen voran Sonnenaufgänge. Er hing einen Moment länger bei den Bildern von den Orten, wo Sarah gern gewesen war. Er wählte diese aus. Eine Küche, die größer war als das ganze Apartment, in dem sie übernachtet hatten. Der alte VW Käfer in Mintgrün, der so perfekt zu dem gleichfarbigen Zaun daneben gepasst hatte. Der Park mit den Trauerweiden, die im Licht der aufgehenden Sonne wie riesige Wächter aussahen. Das bemooste Schachspiel mit Figuren so groß wie Menschen auf den mit Graffiti besprühtem Schachbrett, welches dadurch aussah, als würden die Schachfiguren Menschen als Spiegelbilder haben. Und der alte Bauernhof, der nur zur Hälfte neu gestrichen war, wodurch er rot und grau aussah.

All diese Bilder fanden sich Stunden später ausgedruckt und mit Rahmen versehen an den Wänden des Nebenzimmers. Das war besser. Matt atmete erneut tief ein und fast war der Geruch da. Fast konnte er…

Sarah zog einfach an seiner Hand und Matt stolperte beinahe in sie herein. Völlig ungelenk, aber das brachte sie zum lachen. Das war nun noch die Krönung ihrer guten Laune. Also ergab er sich ihrem Wunsch und versuchte mit ihr zu tanzen. Einfach so. Ohne nachzudenken. Ihre Augen funkelten wie ein reiner Bach und Matt fühlte sich so leicht. Jede weitere Bewegung von ihm machte ihn ein Stück freier. Bis die Tanzschritte so selbstverständlich waren wie Atmen.

Draußen im Flur knallte eine Tür zu und Matt war aus seinem Tagtraum gerissen, die Arme zu einer unsichtbaren Tanzpartnerin gehoben und seine Lunge brannte etwas von der vielen Bewegung. „Oh fuck you!“, sprach er den Gedanken laut aus und ließ die Arme sinken, wische sich etwas Schweiß von der Stirn und nahm sein Handy von der Matratze.

Das Lied war bereits vor Stunden zu Ende gewesen.

Leise schloss Matt die Tür zum Nebenzimmer wieder, als er es verließ. Leise, als könnte er die gespeicherten Erinnerungen andernfalls beschädigen.

Stimmung II

Published inRollenspiel-Storys

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