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Das Eishorn

In alten Geschichten wird oft von Einhörnern berichtet. Prächtige Geschöpfe, die einem Pferd ähneln und denen ein Horn auf der Stirn wächst. Es heißt, dass diese Wesen mit ihrem Horn Wunden heilen können. Manche werden sogar mit riesigen Flügeln beschrieben, mit denen sie einst über unsere Wälder und Berge geflogen sind – immer auf der Suche nach anderen, schwächeren Geschöpfen, denen sie helfen können.

So ein Einhorn wäre Jasi bestimmt gerne gewesen. Dann könnte sie davon fliegen und die Welt sehen. Jasi dachte sich, dass es bestimmt ein tolles Gefühl wäre den Wind in den Flügeln zu spüren. Bestimmt  würde es kitzeln. Die weiten Wälder von oben zu betrachten… sie stellte es sich geheimnisvoll vor.

So ähnlich dachte Jasi, wenn sie mit ihren Geschwistern auf die Berge gestiegen war und die Aussicht genossen hatte. Da oben fühlte sie sich immer so groß. Nicht so klein und unbeholfen, wie sie es eigentlich noch war. Jasi und ihre beiden Brüder waren erst einhundertachtundzwanzig Jahre alt. Für Einhörner, die sehr viele Jahre alt werden konnten, waren sie noch Kinder. Klein und schmächtig. Ihre Hörner waren noch nicht zu voller Länge ausgewachsen. Erst wenige Zentimeter lang, nicht so riesig und mächtig, wie das ihrer Mutter.

Jasi sah immer voller Stolz zu ihrer Mutter Nawa auf. Ihr weißes Fell glänzte im Sonnenschein und wenn sich Nawa freute, begann ihr Horn zu leuchten. Dann war es, als bestünde der ganze Wald aus leuchtenden Bäumen, welche die Nacht zum Tag machten.

Es gab nichts, was Jasis Mutter nicht konnte. Wenn es Jasi oder einem ihrer Brüder einmal schlecht ging, weil sie einem Tier nicht helfen konnten, so war ihre Mutter immer da um ihnen Trost zu spenden.

Ein Einhorn wie ihre Mutter wollte Jasi auch einmal werden. Eine Heilige des Waldes.

Aber Jasi wusste, dass sie niemals so sein konnte wie ihre Mutter. Nawa hatte ein großes, glänzendes Horn. Dieses Horn hatte magische Fähigkeiten. Es konnte Wunden heilen und Trauer gegen Freude tauschen. Menschen die in die Nähe dieses Horns kamen, wurden von allen bösen Gedanken befreit.

Jasi besah sich ihr Spiegelbild in einem kleinen Bach. Ihre Brüder Boro und Nawo tollten hinter ihr über die Wiese. Aber Jasi war nicht nach spielen zu mute.

Einhornkinder spielten oft, indem sie ihre Hörner präsentierten und die großen Einhörner nachamten. Nur wer die großen und berühmtesten Einhörner sehr genau nachahmen konnte, wurde von allen anderen als Sieger angesehen – die anderen Fohlen staunten stets über diese Sieger.

Boro hatte diese Gabe. Sein Horn war größer als das von allen anderen unreifen Einhörnern. Es war zwar noch immer viel kleiner als jenes seiner Mutter, aber dennoch beeindruckend. Sein Fell war schwarz, wie das seines Vaters, und machte aus ihm eine sehr imposante Erscheinung. Boro konnte alle Fohlen stets von seinen Ansichten überzeugen. Keiner wagte es, ihm zu wiedersprechen. Keiner außer Jasi, wodurch sie sich allerdings oft zum Gespött unter den Jungtieren machte.

Denn nicht nur, dass sie ihren Bruder nicht so verehrte wie die Anderen und wie es als angemessen in ihrer Gruppe gehalten wurde. Sie hatte auch kein normales oder gar magisches Horn.

Das Spiegelbild vor ihr verschwamm, als ein Tropfen herabfiel. Ihr Horn begann wieder zu schmelzen, denn es war aus Eis.

Etwas, dass es unter den Einhörnern noch nie gegeben hatte!

Selbst der alte Ter, das älteste Einhorn in den Wäldern, in denen Jasi lebte, hatte etwas derartiges noch nicht gesehen.

Aus Erzählungen ihrer Mutter wusste Jasi, dass Ter nach ihrer Geburt viele Monde verschwunden war. Er hatte nach Anderen gesucht, die waren wie Jasi. Er wollte eine Erklärung für dieses Phänomen. Aber er fand kein anderes Einhorn, dass ein Horn aus Eis hatte. Selbst weit nördlich der Teutoburger Wälder hatte Ter gesucht. Er hatte Einhörner jenseits des großen Wassers befragt, aber niemand hatte jemals ein Einhorn gekannt, welches ein Horn wie Jasi hatte.

Vieleicht hatte Jasis Vater ja gewusst, woher das Eishorn kam. Aber es gab diesen Tag, vor Jasis Geburt, an dem Nawa nicht zusammen mit ihrem Mann unterwegs sein konnte. Sie erwartete bald ihre kleinen Einhörner und die Geburt machte auch einem so mächtigen Einhorn wie Nawa zu schaffen. Es war das erste Mal gewesen, dass Jasis Mutter nicht mit ihrem Mann zusammen durch die Wälder gezogen war. Immer bestand sie darauf, Bera zu begleiten – und wenn es nur zum Schutz vor den Menschen war, welche den Einhörnern nicht immer wohl gesonnen waren.

Es gab Menschen, die unter ihresgleichen als Könige bezeichnet wurden, die Einhörner jagten. Warum auch immer, waren die Menschen der festen Überzeugung gewesen, dass das Horn eines Einhorns sie unsterblich machte. Zu Pulver zerrieben und als Tee getrunken, sollte der Mensch ewig leben – oder zumindest so lange wie ein Einhorn. Jasi konnte sich schwer vorstellen, dass ein Horn von einem Einhorn irgendwelche magischen oder lebensverlängernden Kräfte besitzen sollte, wenn das Einhorn, welches zu diesem Horn gehört, nicht mehr daran hing.

Aber die Menschen glaubten daran und bisher war es stets Nawa gewesen, welche die Menschen davon abgehalten hatte, sich an einem Einhorn in ihren Wäldern zu vergreifen. Als Nawa jedoch schwanger war und nicht mehr jedem Schutz bieten konnte, kam es immer häufiger dazu, dass Einhörner verschwanden. Und eines Tages, vor einhundertachtundzwanzig Jahren, kehrte Jasis Vater nicht mehr von einem seiner Ausflüge in die westlichen Regionen des Waldes zurück.

Seit dem Tag hatte Nawa nie wieder ein Einhorn die Region um ihren Berg verlassen lassen. Bis auf Ter, aber der konnte gut auf sich aufpassen. Jasi wusste, dass ihre Mutter nicht weit weg war. Wenn Jasi schreien würde, dann wäre ihre Mutter sofort bei ihr. Würde Gefahr drohen, wären sie schnell wieder in Sicherheit. Also beschloss Jasi, ihre Brüder ihre Angebereien weiter ausspielen zu lassen und ging im Bach spazieren. Der Bach war kühl und das wiederum sorgte dafür, dass ihr Horn sich wieder festigte. Ein Horn aus Eis hatte den Nachteil, dass es – wie es für Eis eben üblich ist – schmilzt, wenn es zu warm wird.

Es war ein sehr warmer Tag, obwohl es erst Frühling war. Jasi gefiel dies, auch wenn ihr Horn dadurch schneller schmolz als sonst. Warme Frühlingstage waren etwas sehr Schönes. Nicht nur der Wald war voller Leben, auch das Tal, in das der Bach hinab floss, wurde an diesem Tag von allen möglichen Tieren bevölkert. Hasen hoppelten über die Wiesen und Schmetterlinge flogen den Bachlauf entlang. Vögel zwitscherten fröhlich und Rehe tollten zwischen den hohen Gräsern herum. Es war einfach herrlich. So schön, dass Jasi vergaß, dass sie den Wald bereits verlassen hatte und dem Bach weiter ins Tal folgte.

Sie schnupperte an Blumen, fraß ein wenig Gras und versuchte einigen Hasen hinterher zu laufen. Die Blumen im Tal blühten in allen möglichen Farben. Jasi hätte ewig auf der Wiese bleiben können, wären da nicht ihre Brüder gewesen, die ihr gefolgt waren.

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Published inKurzgeschichten

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