Zum Inhalt

Zwischen Wahn und Sinn – Rache

Klong. Der Dartpfeil schepperte mit einer unbändigen Wucht gegen die Dartscheibe. Zwei Pfeile fielen herab, er hatte das Ziel, die Mitte der Scheibe, knapp verfehlt.
Klong. Der nächste Pfeil flog, dieses Mal schepperte er gegen die Wand und fiel leise klackend zu Boden. Dunst hing in dem spärlich beleuchteten Büro. Eine Neonlicht Röhre hing von der Decke, das Licht schien zu flackern, ein Summen wie von einem Schwarm Bienen, ging von dem gasgefüllten Leuchtmittel aus. Es roch nach frischem Kaffee und der Duft von Rum hing in der Luft. Überall im Raum verteilt standen Stapel von vergilbtem Papier. Einige Akten lagen aufgeklappt auf einem alten Mahagoni Schreibtisch, der mindestens sieben Ellen breit und drei tief war. Eine dampfende Kaffeetasse lag umgekippt auf einer Tastatur. Auch aus dieser dampfte es. Drei Flachbildmonitore sonderten stetig ein grünes Flimmern ab, welches das schwache Licht der LED Lichterkette, die zusätzlich einmal quer durch den Raum die Decke entlang gespannt wurde, in ein grünes Blitzgewitter verwandelte. Grün waren auch die Augen des einsamen Gesellen, der immerund immer wieder einen Dartpfeil nach dem anderen gegen die Wand pfefferte. Auf seinem Gesicht schlängelten sich dunkle Schatten, wie böse Geister in abstrakten Formen entlang. Eine halb herunter gebrannte Zigarette hing von seiner Unterlippe herunter.
Klong. Wieder traf er nur die Wand.

„Garcia. Du Hurensohn. Du wolltest, dass ich sterbe. Warte es nur ab“, seine Augen verengten sich zu raubtierhaften Schlitzen, er sog tief an der Kippe und ließ sie dann zu Boden fallen. Das dunkle Holz, mit dem der ganze Raum ausgelegt worden war, begann zu qualmen. Der Geruch von verdunstenden Lacken stieg Myar in die Nase. Laut stampfend trat er die Zigarette aus, ein kleiner Brandfleck hatte sich gebildet. „Verflucht seist du, arroganter Italiener. Wenn ich dich erwische, reiße ich dir den Kopf ab und pisse auf deine Eingeweide!“ Seine Flüche trafen die Dartscheibe, der Haken an der Wand löste sich und die bunt bemalte Korkmatte fiel herab. Er trat nach dem Mülleimer, der neben ihm stand. Zerknülltes Papier verteilte sich leise raschelnd über den Boden, vor Wut zitternd stütze Myar sich am Tisch ab und senkte den Blick.

Aber, aber Rafael, du wirst doch nicht deinem alten Freund schaden wollen? Hast du schon vergessen, dass er viel für dich getan hat? Ohne Garcia wärst du ein Niemand. Du hast ihm nachgeeifert. Vergiss dass nicht, du bist wie er.

„Ich war niemals wie er!“, wutentbrannt schlug er mit der Faust auf den Tisch. Tassen klapperten, die beiden dreißig Zoll Monitore drohten zu kippen. „Er hat alle auf dem Gewissen und jetzt läuft er da draußen rum und richtet weiter Schaden an!“

Du bist nicht ganz unschuldig an dem, was er getan hat. Du warst naiv. Zu selbstsicher. Du hättest es beenden können.

„Sei still“, er schrie laut auf, fing an sich die Haare zu raufen. Er ließ ein Büschel rotbraunem Haar zu Boden fallen. „Sei endlich still! Ich werde ihn finden undtöten. Endgültig. Es wird keine Quelle in der Nähe sein. Wenn ich mit ihm fertig bin, wird es keine Bienen mehr geben, die ihn wieder zusammen flicken.“

Du wirst bei dem Versuch sterben. Du hast nichts vorzuweisen, außer ein paar unnützer Mikrochips und einer tollen Datenbank. Du bist ein Beobachter, du spielst mit Technik herum. Niemand beachtet den stillen Nerd, der in seiner dunklen Kammer den weiblichen Drachen hinterher gafft. Es ist armselig. Das weißt du.

Kaffee verteilte sich im ganzen Raum, befleckte die makellos weiße Wand gegenüber dem verhangenen Fenster. Die grün-schwarze Tasse mit den bekannten Computerinsignien aus den Matrixfilmen barst klirrend in tausend Scherben. Er keuchte, schlug sich gegen die Stirn.

„Ich weiß alles über ihn und wie man ihn töten kann. Ich trainiere hart. Ich bin mächtig. Nicht der mächtigste Drache, aber ich werde dieses Ziel erreichen. Der kleine Sesselpupser in Seoul hat keine Macht mehr über mich. Nicht mehr. In dieser Sache zählen nur Garcia und ich. Ich scheiße auf diesen Job, sollen die Drachen, Orochi und der Rat doch alle gemeinsam versuchen mich aufzuhalten. Und wenn die Erde unter meiner Rache dahin geht, ich werde diesen Bastard finden und eliminieren! Und du kannst mich nicht aufhalten!“

Du klingst wie aus einem schlechten Star Wars Film. Erinnerst Du dich, Anakin Skywalker, der mächtigste Jedi aller Zeiten? Du bist aber kein Jedi, du bist nur Rafael, der sich hinter einer Maske aus arroganter, narzisstischer Selbstsicherheit versteckt.

„Der dritte Star Wars Film war auch schlecht und du…“, in einem Schrei, der nicht aus seiner Kehle sondern aus den Tiefen des Universums zu kommen schien, voller Schmerz, purer Energie, welche die Luft elektrisierte und die kleinen Lämpchen zum Platzen brachten, verlor er den Boden unter den Füßen. „HALT ENDLICH DIE FRESSE!“ Sein Kopf schlug auf der Tischkante auf.

Sofort spritzte Blut über die Akten, lief ihm die Stirn herab, als er schwankend wieder aufsah. Seine Sicht war eingeschränkt, er spürte, wie kleine Wesen ihn heilten, es schmerzte, es war unangenehm. Er wollte es nicht, er wollte bluten, leiden, Schmerzen spüren. Es war eine Erlösung, nicht mehr denken zu müssen. Hastig wälzte er sich auf die Tischplatte, griff über den Tisch und riss die oberste Schublade auf. Sie war fast leer, nur ein kleiner, goldener Flachmann hatte sich in den Doppelboden eingenistet. Myar trank, der Whiskey brannte in seiner Kehle, wärmte seinen Körper von innen. Es dauerte nicht lange, da spürte er seineSinne sich benebeln. Er lauschte in den Raum hinein, sah sich zwischen den Aktenschränken um. Stille. Endlich Ruhe.

Zufrieden seufzend, ließ er sich auf dem Tisch nieder, wälzte sich auf den Rücken und betrachtete sein verzerrtes Spiegelbild in der kleinen, lebensrettenden Flasche. Ihm sahen blutunterlaufene Augen entgegen. Sie waren Müde, hatten zu viel weichendes Leben gesehen.

Dann klopfte es an der Tür. Er hatte den Termin vergessen.

Mit einer Hand suchte er nach seiner einzigen wahren Freundin. Die kahlköpfige Frau, die ihm in den Gläsern seiner Sonnenbrille entgegen sah, hatte stets ein warmes Lächeln für ihn gehabt. Ihr Name war Abby, er war ihr Schöpfer. Er hatte Macht über sie und sie über ihn. Sie waren eine Einheit, die vollkommene Verschmelzung aller Sinne mit dem Leben auf kleinster Ebene der Physik.

„Einen Moment!“, mit einem schnellen Fingerschnippen, sprang der Riegel ins Schloss. Mit eiligen Bewegungen ließ er den Flachmann in die Schublade zurück gleiten, nachdem er den Deckel wieder fest verschraubt hatte. Er versuchte sich schnell die Haare etwas zur richten. Für weitere Aufräumaktionen blieb keine Zeit mehr. Der Riegel wurde wieder zurückgeschoben, mit einem Lächeln auf den Lippen, empfing er seinen Gast.

Weitere Artikel oder Kapitel

  1. Zwischen Wahn und Sinn – Prolog des Prologs – oder: Was war Vorher?
  2. Zwischen Wahn und Sinn – Prolog – neuer Auftakt
  3. Zwischen Wahn und Sinn – Prolog – Verrat
  4. Zwischen Wahn und Sinn - Rache
  5. Zwischen Wahn und Sinn und blauem Meer - Ruhemodus
  6. Zwischen Wahn und Sinn und blauem Meer - Bienen
  7. Zwischen Wahn und Sinn und blauem Meer - Erwachen
  8. Zwischen Wahn und Sinn und blauem Meer - Urlaub
  9. Zwischen Wahn und Sinn - Game Over

Published inFanfictions

Schreibe den ersten Kommentar

    Schreibe einen Kommentar

    Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.