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Zwischen Wahn und Sinn und blauem Meer – Erwachen

Es war nie einfach, in der Londoner Innenstadt einen Fuß vor den anderen zu setzen. Auch nicht im geheimen Teil. London war eine Metropole wie jede andere. Groß, laut und voll. Es war beinahe unmöglich einen Fuß vor den anderen zu setzen, wenn im Stress der letzten Weihnachtstage die Menschen wie Junkies auf Entzug in die Läden pilgerten, um ihren Stoff, ihre Erlösung in Form von Geschenken zu finden. Ohne Geschenk war der Ehestreit vorprogrammiert. Fiel Weihnachten ins Wasser, konnte man die Taschengelderhöhung vergessen. Das wusste der Ehemann, der zum Juwelier tigerte um sein hart verdientes Geld in ein wenig Metall zu investieren, nur damit die Dame des Hauses ihren Freundinnen beim Tee den Klunker zeigen konnte. Das wusste der strebsame Junge aus Greenwich, der versprochen hatte, seinen Eltern dieses Jahr nicht wieder nur ein paar Kekse unter den Weihnachtsbaum zu legen. Und zu Myars Bedauern, wussten das auch gefühlte eintausend weitere Menschen, die durch die Straßen liefen und es beinahe unmöglich machten, auch nur eine einzelne Person heraus zu filtern.

Es war nicht weit zum Eldwic Park gewesen, nur fünf Minuten. An jedem anderen Tag. An diesem Tag dauerte es eine viertel Stunde. Es war nicht einfach gewesen, den vielen Angeboten an freiem Bier und Glühwein auszuweichen. Hier ein alter Bekannter, dem man das Leben vor einem Zombie gerettet hatte, dort ein Vampir, der einem dankte, dass man ihn die letzten vierhundert Begegnungen nicht einfach in tausend Einzelteile zerlegt hatte.

Du hast ihn verloren. Sieh es ein. Du hast ihn verloren, genauso wie du einst deine Freunde verloren hast, weil du unfähig bist, eine Situation zu deinen Gunsten zu wenden. Versager!

Myar sah sich mit einem Glas Bier in der Hand um. Er stolperte aus dem Horned God, vorbei an Feiernden mit roten Wangen, deren Atem in der Kälte der Londoner Winternacht gefror.

„Abby, kannst du ihn sehen? Eine der Kameras muss ihn eingefangen haben.“ In einem Moment betrachtete er noch die Gesichter geschäftiger Londoner, im nächsten hetzten Bilder sämtlicher Überwachungskameras der Londoner Straßen durch die Fußgängerzone. Ein Polizist kam ihm entgegen, aber Myar sah nur parkende Autos in einer Seitenstraße, irgendwo in Kingston. Ein Bild erhaschte seine Aufmerksamkeit. Der junge Mann, den die Bienen bereits wieder zusammengeflickt hatten, verließ die Bank und lief weiter. Das war vor zehn Minuten. Wo ist er jetzt?

Der Bierkrug fiel zu Boden und Glassplitter zersprangen in alle Richtungen. Menschen sahen sich empört um, betrachteten den zersplitterten Krug und wischten sich Bier von den Schuhen. Doch Myar war weiter gegangen, rücksichtslos bahnte er seinen Weg durch die Menschenmasse, direkt auf die hohen Bäume des Parks zu. Er musste zum Eingang in die Hohle Erde und… Er war nicht allein. Für einen Bruchteil einer Sekunde konnte er eine weitere Agentin sehen. Er lächelte. Seine Nachricht war angekommen. Wahrscheinlich war Sayuri ebenfalls auf dem Weg. Sie konnten ihm den Weg abschneiden. Er konnte sich gut vorstellen, dass Pelleks nicht weit kam, wenn Minami einen der Eingänge nach Agartha bewachte.

Dann regte sich etwas in seiner Wohnung. „Ich sollte zurück. Sie wird durstig sein.“ Am Tor zum Park verharrend betrachtete er eine Weile die Vitalwerte der jungen Frau, die noch immer angekettet auf seinem Bett lag. Er musste grinsen. Es kam nicht oft vor, dass sich ihm eine Frau, so wie jetzt, auf seinem Bett darbot. Meist waren sie… er schüttelte den Kopf, er machte sich auf den Rückweg zu seiner Wohnung. Die Jagd hatte bereits begonnen und er hatte einen Termin mit einer jungen, attraktiven Frau.

Zeit war schon etwas Sonderbares. Sie dehnte sich und verkürzte sich, wie es ihr gerade in den Sinn kam. Auf dem Weg zum Park wäre ihm eine Stunde nicht länger als ein Wimpernschlag vorgekommen, der Weg zurück schien eine Ewigkeit zu dauern. Immer wieder stellten sich ihm Bettler in den weg, fragten nach Almosen. Und immer wieder unterdrückte Myar den Drang, ihnen ihre Augen als schmackhafte Suppenbeilagen zu servieren. Als er endlich den Hauseingang erreichte, vergewisserte er sich, dass Alice noch immer schlief, ehe er die Wohnung betrat. Beinahe Geräuschlos öffnete sich die Tür. Er trat ein, betrachtete den spärlich beleuchteten Raum kurz und schloss hinter sich wieder die Tür. Sie schlief noch immer, was praktisch war. Auf leisen Sohlen ging er in die Küche, nahm ein Glas, ließ Wasser hinein laufen und suchte nach einem Strohhalm. Er kannte es bereits, den Durst, den man verspürte, wenn man nach einer Narkose dieser speziellen Art erwachte. Es war unangenehm. Man fühlte sich, als hätte man tagelang nichts getrunken. Vorsichtig setzte er sich auf die Bettkante. Das Bett knarzte kurz.

Schütte es ihr ins Gesicht. Dann wacht die Schlampe endlich auf. Sie hat so viel Freundlichkeit nicht verdient. Er war dein Paket. Deine Verbindung zu Garcia und sie hat ihn gehen gelassen. Außerdem ist sie gefährlich. Sie tötet Mitglieder eures Zirkels und sie scheint besessen zu sein. Deshalb…

„Das macht sie gerade so interessant. Abgesehen davon, dass sie sich eine gute Ausrede einfallen lassen muss, warum sie einem potentiellen Schläfer zur Flucht verholfen hat, stellt sie ein geeignetes Versuchsobjekt dar.“

Ich denke dabei nur an eine Art von Versuchen. Diese, an deren Ende eine weitere Leiche durch die Abwasserkanäle schwimmt und du mit einem wohligen Grinsen auf deinem Stuhl sitzt und eine rauchst.

Das Glas auf den Boden neben das Bett stellend, stand er auf und ging zielstrebig auf die Wand zu. Das Loch im Gips würde er später wieder flicken. Mit ein paar Eiswürfeln aus dem Kühlschrank kühlte er seien Stirn und sah wieder auf Alice runter, die sich nun regte.

Beinahe empfand er soetwas wie Mitleid mit der jungen Frau. Doch bevor er sich weiter mit derartigen Gefühlsregungen befassen konnte, meldete sich sein Handy. Alice kurz betrachtend und sich davon vergewissernd, dass sie nicht sofort los schreien würde, sah er auf das kleine Display. Minamis Nachricht hatte ihn erreicht. Nur eine Sekunde später schallt James Browns Stimme durch den Raum. Er hatte mit Sayuris Anruf bereits gerechnet. Kurz Luft holend, nahm er ab.

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